• Heute war ein denkwürdiger Tag für mich. (Nicht bloß wegen des 12. März 1938, dessen man in Österreich eigentlich immer wachsam gedenken sollte.) Daß ich an einem und demselben Tag mein Musiker-Leben, mein Musik-Erleben gleichermaßen aktiv wie passiv ausübe und genieße, gibt es nicht so oft; doch heute hatte ich beides ― sowohl drei Stunden Matthäuspassions-Probe als auch gut 2 ½ Stunden Konzertgenuß.

    Mit einem schon in jungen Jahren zu hoher Meisterschaft gelangten Kirchenmusiker darf ich BWV 244 am kommenden Wochenende in der Stiftsbasilika Klosterneuburg darbieten (und wie freut es mich, zu wissen, daß Radio Klassik Stephansdom dieses Ereignis aufzeichnet und am Karsamstag nachmittags senden wird). Die lichtdurchflutete Kirche, ein Ur-Ort des österreichischen Katholizismus und seines Adels – sie beherbergt zudem die wichtigste Barockorgel des Landes –, bot uns ein herrliches Ambiente für die Rezitativproben. Eine vorzügliche junge Continuo-Cellistin ergreift ihre verantwortungsvolle Aufgabe mit Schmackes und Sensibilität. Mehr kann sich der Evangelist nicht wünschen ― und er mußte dergleichen in 22 Jahren mit dieser Partie so manches Mal auch schmerzlich vermissen.

    Vergnügt heimgekehrt von Daniel Freistetters Projekt-Auftakt, nach beglückender Jogging-Tour im Belvederegarten (der mit föhnwolkigem Himmelsszenario einen besonders schönen spätnachmittäglichen Canaletto-Blick bot), ging ich also in den Musikverein, um Emil Petri, dem für mich derzeit begabtesten jungen Wiener Organisten, zu lauschen, wie er Saint-Saëns’ Orgelsymphonie, begleitet von seinen ehemaligen Schulkolleginnen und -kollegen im Orchester, darbieten würde. Der Saal fast ausverkauft (heute das 2. Konzert dieser beeindruckenden „Leistungsschau“), unglaubliche Stimmung, wie sie nur von jungen Menschen für junge Menschen geboten wird. Ja, und dann hatte ich mit Bernsteins Musik (oh, was hat dieser Once-In-A-Century-Musiker just in dieser goldenen Musikschatulle als Dirigent für vibrations hinterlassen!!!) ein Erlebnis der besonderen Art: die jungen Leute – sie bilden füglich die Vereinten Nationen der Musik ab – fanden sich ein zu einem Feuerwerk der Musizierlust, Virtuosität, Ernsthaftigkeit und klanglichen Schrankenlosigkeit, wie ich es nie und nimmer erwartet hätte. Mein Organistenkollege Roman Hauser, den ich überhaupt erstmals als Dirigenten erlebte, trug sein entscheidendes Scherflein dazu bei.

    „Somewhere“, stimmte die junge Sängerin mit türkischem Familienhintergrund an, „we’ll find a way of forgiving“. Das höre ich ― mit Bildern im Kopf vom Raketeneinschlag im Dorf meiner israelischen Freundin, mit Berichten von unversöhnlichen Parlamentsdebatten dies- wie jenseits des Atlantiks im Sinn. „There’s a place for us, / A time and place for us.“ Das singen junge Menschen (und ich mit bald 48 rechne mich nicht unbedingt mehr zu ihnen), denen man ihre Zukunft gründlich angesengt hat. Junge Menschen, die so viel Herzblut in ein Metier stecken, dem man (in der Mitte seiner Berufsausübung stehend und mit offenen Augen Einkürzung und Ignoranz sehend) bisweilen nicht mehr viel Zukunft attestieren möchte. Wer bliebe da wohl unberührt?!

    Feine Chormusik der tragisch früh verstorbenen Lili Boulanger und die genialen wie unverwüstlichen Evergreens von „My Fair Lady“ rahmten diesen nachdenklich-euphorischen Gruß aus dem guten alten Amerika ein. (Wer würde heute allen Ernstes noch so ein Werk wie die „West Side Story“ aus den USA erwarten?) Aber er läßt mich länger nicht los – denn „mit ein wenig Glück“, wie es der Librettist von Frederick Loewe in Aussicht stellt, darf man nicht nur Zotiges und Komisches, sondern getrost auch Wunder erwarten. Das haben mir diese auf dem Podium versammelten Hundertschaften des Wiener Musikgymnsiums, das vielleicht das musikalische Eton Mitteleuropas ist, heute mit unserer gemeinsamen Muttersprache, der Musik, ins Herz gegraben.

  • „Joseph inmitten seiner Brüder“ ― Gemälde von Antonio Intuitivo (2026)

    Ein Vers Picanders – des oft Belächelten, des Stichwortgebers für den (zweifellos) viel Größeren. Aber ohne Postmeister Henrici keine Matthäuspassion. Da würden wir ganz schön dumm dreinschauen, nicht wahr… Und inmitten dieses Kunstwerks, dieses unbeschreiblichen, wird wiederum jene Arie, aus dem der Vers stammt, belächelt (bestenfalls), wenn nicht gar augenrollend ertragen. Ja, ja, im Laufe von 90 MaPas erlebt man es öfter, daß diese Da-capo-Arie auf den A-Teil zusammenschrumpft. Was es auch manchmal gibt: bitte nur das schön heftige Accompagnato vorweg, mit den Geißelungs-Punktierten, das reicht schon – besonders angesichts der weit fortgeschrittenen Handlung und Konzertdauer. Und was das allerhäufigste Los dieser Arie ist (da man sich mit Strich und Kürzung keine dirigentischen Lorbeeren holt)? Gnadenlos durchgepeitscht wird sie; ob Altus oder Mezzo: alle müssen sie sich kurzatmig durch die in raschem Tempo unverständlichen und unbequemen pseudo-rossinischen Kantilenen hetzen. Und wie zum Hohn wird „Können Tränen meiner Wangen“ dadurch gefühlt kaum je kürzer…

    Nicht so heute (nein, mittlerweile war es gestern, der 1. März) in der katholischen Kirche von Altstätten im Kanton St. Gallen. Meine liebe Kollegin Martina Gmeinder durfte sich wunderbar Zeit nehmen für dieses dramaturgisch so streitbare Stück inmitten von BWV 244; Alexander Seidel gewährte, ja, wünschte das von sich aus in dieser (ansonsten immer wieder mal streitbaren) Aufführung. Und so konnte die Arie, zumindest nach meinem Dafürhalten, genau jenen Zweck erfüllen, den Picander und Bach ihr zugedacht haben: das von der Betrachtung der Geißelung entsetzte Gemüt (mit all seiner weinenden Schnappatmigkeit) in heilsam langen Minuten wieder zu besänftigen.

    Heilsam lang. Ja, das trifft auch für „Joseph und seine Brüder“ von Thomas Mann zu. Mit diesem Lübecker nimmt es Picander wohl nicht auf, aber das ist eine unnötige Feststellung. Unnötig empfand ich als Teenager übrigens viele halbseitenlange Sätze des Nobelpreisträgers: mich sprachen selbst seine kürzeren Texte nicht sonderlich an (und 1000 Seiten las ich ohnedies lieber bei John Irving). Letztlich brauchte es das Doppel-Jubeljahr 2025, damit ich, bestärkt von einigen großen Empfehlungen aus meiner Umgebung, eine schöne antiquarische Ausgabe seines umfangreichsten Romans erwarb (sozusagen das Gegenstück zu Bachs üppigstem Werk, der Matthäuspassion) und im November zu lesen begann. Die halbledergebundene Schwarte meiner Buchgemeinschaft-Edition von 1964 begleitete mich nach Ungarn, Deutschland, Polen, Belgien, Israel, Spanien und sogar zweimal in die Schweiz.

    Aus dem (höflichen) Wunsch, Thomas Mann „spätlesende“ Abbitte zu leisten (mittlerweile sind meine Sätze fast so lang wie seine geworden, was aber nur ein lächerlich quantitativer Vergleich sein soll), wurde eine selbsttherapeutische Handlung. Daß ein Philosemit wie ich irgendwann bei der Josephs-Tetralogie landen muß, war nur eine Frage der Zeit. Daß ich aber den Roman der Romane (zumindest muß ich ihn, noch ganz bettwarm von der Lektüre, so nennen) und wohl DAS Buch über Väter und Söhne innerhalb der ersten zwölf Monate nach dem Tod meines Vaters lesen würde, war eine Gnade sondergleichen – und so wie diese 1355 Seiten voll, ja, übervoll sind von Analogien, von einem Pathos, das nur mit Luthers Bibeldeutsch zu vergleichen ist (von dem es sich frisch-unverhohlen inspirieren ließ), so pathetisch inszeniert mußte ich die Geschichte natürlich am ersten Todestag beenden; mit dem Oberhammer, daß ich an diesem 1. März auch noch eine MaPa zu singen hatte. Und wenn Joseph seinen Vater im „Gewaltigen Zug“ in die Höhle Machpela überführen läßt (im gewaltigen Umweg über den Jordan), wenn diese Höhle am Ende so zugemauert wird wie jenes „eigen neu Grab“, in dem Joseph von Arimathia Jesus bestatten läßt (mit anschließend versiegeltem Stein), ist es haargenau jene Art der Analogie, die sich beim Lesen von Manns unendlich gelehrtem Roman an allen Ecken und Enden auftut – denn die großen Vergleiche à la „nach dreien Tagen auferstanden“ kommen dort massenweise vor. Oft genug erschrickt man sogar vor ihnen und empfindet sie – horribile intellectu – bisweilen schon fast an der blasphemischen Kante.

    Das hätte Pfarrer Johannsen, der gemäß vielfachem Bekunden überhaupt keine Romane mochte, vielleicht sehr irritiert. (Noch mehr würde ihn, den zeitlebens bekennenden Wagner-Hasser, jedoch empört haben, daß sich sein singender Filius auf hohen dirigentischen Wunsch hin neuerdings mit dem Loge beschäftigt.) Dennoch meine ich, daß ich meinen Vater, wenn ich dazu Gelegenheit gehabt hätte, mit wachsendem Interesse an die eigentlich sehr fromme Erzählweise Thomas Manns hätte hinführen können; gerade die linguistische Expertise (was lernt man hier nicht alles über das Hebräische!!!), all die sprachlichen Exkurse hätten Vati entzückt. Ihn, der fast genau so voll war von „Gottessorge“ wie der Patriarch Jaakob.

    Der oft einmal zur Heulsuse verkommende Evangelist Johannsen hatte hier gut vier Monate lang Zeit, einige Tränen zu vergießen – bei Rahels Tod, bei Mont-Kaws Verscheiden, bei der Wiederbegegnung der Brüder… Und weil ich schon einmal so beherzt über das Nahe-am-Wasser-gebaut-Sein spreche (wohlgemerkt als einer, der weder am Aschermittwoch 2023, als Mutter beerdigt wurde, noch am Aschermittwoch 2025, als Vater zur letzten Ruhe geleitet wurde, ein Tränchen vergoß!), gebe ich euch zu guter Letzt – „Wir setzen uns mit Tränen nieder“ – noch ein Stück, das mich fast genau so dahinschwimmen läßt wie Brahms’ „Wie lieblich sind deine Wohnungen“:

  • Ich sitze im Zug der DB. Nach meiner Ankunft in Wien heute Nachmittag werden es insgesamt knapp 20 Stunden sein, die ich dergestalt innerhalb der letzten 5 Tage verbracht haben werde. Und es werden allesamt pünktliche Fahrten gewesen sein. Allein das ist märchenhaft.

    2026 hat mich bislang verwöhnt. Ich lag bei 24 Grad am Tel Aviver Strand und lernte bei dieser „Winterreise“ (cf. https://inrebusvariis.home.blog/2026/01/09/der-blumen-im-winter-sah/) einen neuen Musikfreund kennen, mit dem ich nach weniger als einem Monat schon so vertraut bin, als wären wir (was allein altersmäßig nicht sein kann) bereits miteinander aufs Gymnasium gegangen. Ich durfte dem neuen Wiener Erzbischof, einem Herzens-Kirchenmusiker, vor eingeschalteten Fernsehkameras einen Psalm ins Angesicht singen. Ich stapfte mit meinem Lebensgefährten auf der Rax durch den Schnee und gab gemeinsam mit ihm in Schuberts Wiener Heimatbezirk einen herrlichen Liederabend anläßlich des Tonsetzers 229. Geburtstag. Ja, und nun erlebte ich fünf Tage, die ich so nicht vorhergesehen hatte.

    Das Britten-Gedenkjahr (50. Todestag) mit der Serenade op. 31 zu eröffnen, hatten Rico Förster (mein wahrer Opernagent und derzeit Orchesterchef der Sorbischen Kammerphilharmonie) und ich lange und sorgfältig geplant. Damit brachten wir dieses herrliche Werk erstmals in die wunderbare Stadt Bautzen (mit ihrer wunderbaren sorbischen Küche ― im Bild oben ist das sorbische Hochzeitsessen zu sehen: Tafelspitz in Krensauce). Die junge Chefdirigentin des kleinen, aber engagierten Ensembles, Katharina Dickopf, wuchs im Rahmen dieses Konzerts, das etwa auch Borodins unsterbliches D-dur-Quartett in Ensemblestärke bot, mit interpretatorischer Autorität über sich hinaus. Mein wunderbarer Partner am Horn, Lutz Lehmann, lieferte in Staatskapellen-Qualität. Und wie sehr ich es ambientemäßig in der Hauptstadt der Oberlausitz genossen habe, brauche ich wohl nicht zu schildern.

    An sich hätte es dann schnurstracks zum Erlanger Universitätsmusikdirektor gehen sollen, für zwei geharnischte Bachkantaten. („Naja, wenn ich mir schon den Johannsen leiste, spann ich ihn auch gleich mal gehörig ein“, wird sich Konrad Klek gedacht haben.) Mich hätte es gefreut ― ja, aber dann kamen Krankheitsunbilden über den Dirigenten, so daß er das Projekt schweren Herzens abzusagen hatte. Mir aber stellte er freundlich in Aussicht, die ohnehin für Erlangen reservierte und mit entsprechenden Zugfahrten geplante Zeit dennoch dort zu absolvieren und die „Boy-Group“ zu treffen (gleich mehr davon).

    Dann aber rief der Dresdner Kreuzchor händeringend an, weil andere Krankheitsunbilden (ich selbst darf mich seit Mai 2025 ununterbrochener Fitness erfreuen ― Deo gratias sempiternam) auch hier zugeschlagen hatten. Also sang ich, perfekt auf der geplanten Reiseroute gelegen, am 7. Februar noch das Gedenkkonzert anläßlich des 81. Jahrestages der Zerstörung von Dresden in der mit 3000 Menschen gefüllten Kreuzkirche. Und durfte dadurch Martin Lehmann, den neuen Kreuzkantor, an der Seite von Miriam Feuersinger, Hanna Zumsande, Marie Henriette Reinhold und Tobias Berndt (das sind meine hochgeschätzten „Dauer-Kolleg*innen“) kennenlernen. Richtig kennenlernen konnte ich beim Après bei launig-intellektuellen Gesprächen gleich auch noch Christina Rietz von der „ZEIT“.

    Doch jetzt zur „Boy-Group“ ― nein, ich nenne sie nunmehr meinen Fränkischen Schubert-Orden. Und ich muß dazu ein wenig ausholen. Vor demnächst zehn Jahren lernte ich auf der Insel Frauenchiemsee (bei – Gott hab’ ihn selig! – Enoch zu Guttenberg) einen Erlanger Post-Doc kennen, mit dem ich lose-schön befreundet blieb (durch das inzwischen von mir stillgelegte Instagram zeitweilig auch richtig intensiv). Vor etwas mehr als zwei Jahren, als ich mit den Alindes unsere Quartett-„Müllerin“ in der Kleinen Meistersinger-Halle zu Nürnberg darbot, erzählte er mir von ein paar Freunden (allesamt keine Berufsmusiker, aber leidenschaftliche Chor- und Ensemblesänger), mit denen er sich regelmäßig zum gegenseitigen Vorsingen von Schubertliedern träfe. Johannsen kriegt weiche Knie und feuchte Augen. Ja, gibt es denn so etwas noch? Deutschland, das hat sich doch schon längst abgeschafft, das lebt sozial nur noch am Handy ― zumindest jene, die noch keine konzertbesuchenden Grey Panthers sind (BÖSE verkürzt). Und Patrick, so heißt er, druckst herum… Ob ich denn… Also, es sei vielleicht doch etwas verwegen… Ob ich mir denn vorstellen könnte, mit ihnen Vieren einen Nachmittag lang so etwas wie eine private Meisterklasse zu veranstalten. Johannsen bekommt noch weichere Knie und noch feuchtere Augen. Mögen sich die Unis und Hochschulen eher höflich desinteressiert an mir zeigen: das junge Kulturvolk will mich! Und für dieses singe ich mir das Herz aus dem Leibe. Und so gab es im September 2023 in der für die Universtätsmusik prächtigst ausgestatten Erlanger Orangerie einen privaten Meisterkurs für den Fränkischen Schubert-Orden.

    Konrad Klek genas glücklicherweise so gut, daß wir uns gestern doch treffen konnten; wir gingen durch einige Lieder seines Herzensidols Heinrich von Herzogenberg (für mich natürlich prima vista) und musizierten, um dem Sonntag Rechnung zu tragen sowie das abgesagte Kantatenkonzert etwas zu kompensieren, einige Melodien des fränkischen Pfarrers Friedrich Mergner, die er zu den mehr als 120 Liedtexten von Paul Gerhardt, unserem lutherischen König David, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts geschrieben hatte. Römer 8,28. Wir durften uns demütig alles zum Besten dienen lassen.

    Doch damit nicht genug der Sonntagsfreuden (bei sich endlich auflockerndem Himmel): mit meinem Schubert-Orden, bereits um einen Ritter erweitert, ging’s konzentriert-inspiriert durch „Winterreise“ und „Müllerin“; daß ich, um 3:50 Uhr in Dresden aufgestanden, beim Kurs bereits satte zwölf Stunden auf den Beinen war, machten mich diese Amateure im besten Sinne des Wortes, diese Techniker und Universitätsangehörigen, bis zum Ende unseres gemeinsamen Abendschmauses bei fränkischem Bier (danach war ich allerdings platt) völlig vergessen.

    Deutschland, du Land meiner meistgesungenen Töne, du kannst (vielen Irrungen und Verwirrungen zum Trotz) ein Wintermächen bieten wie kein anderer Landstrich.

  • (Die sieht man im israelischen Winter immer – hierzulande will das Blühen nämlich, um ein anderes Dichterwort zu bemühen, nicht enden. Dank einer einzigartigen Bewässerung übrigens auch im unerträglichen levantinischen Sommer nicht.)

    Nach zwei Tagen, die selbst für die hiesige Bevölkerung angesichts des ersten Jännerdrittels ungewöhnlich warm waren (in Tel Aviv frühnachmittags 24°), hat sich heute für D 911 halbwegs passendes Wetter eingestellt: Jerusalem ist sturmgebeutelt, drei- bis viermal ging ein Wolkenbruch hernieder, der an der grundsätzlichen Möglichkeit einer Sintflut keinen Zweifel offenläßt.

    Dror Semmel bereitet mir an einer schönen McNulty-Kopie eines 1819er Conrad-Graf-Flügels im Konzertsaal des Eden Tamir Music Center in Ein Kerem (jenem Ort, an dem Johannes der Täufer geboren wurde und wo Maria ihre Kusine Elisabeth besuchte) charaktervoll den schönsten Klangboden, den ich mir für meine erste Winterreise in Israel nur wünschen könnte. Damit hab ich die Trias ba’aretz1 komplett: 2011, anläßlich meines ersten Auftritts bei Raz Kohns winterlichem Festival, gab ich mit Daniel Gortler den Schwanengesang (die hyper-emotionale Interpretation, über die ich anderthalb Dekaden später sehr schmunzeln muß, ist noch im Netz verfügbar2) – und ich stelle soeben fest, daß just in jenem Jahr auch Robert Holl in Israel Schubert sang: eine Winterreise mit András Schiff bei Elena Bashkirovas Jerusalem Chamber Music Festival. 2015 gab ich mit Graham Johnson mehrfach die Müllerin zum Besten – besonders eindrucksvoll war’s im legendären Auditorium des YMCA in Jerusalem. Und nun darf ich mit dem Zyklus der Zyklen die 20. Auflage der Schubertiade Israel offiziell eröffnen.

    Wer mich kennt und wer weiß, wo meine Israel-Liebe ihre Anfänge hat, kann sich denken, WAS mir da alles durch den Kopf geht. Es beginnt damit, daß Wilhelm Müllers 24 Gedichte für mich immer schon etwas Osteuropäisch-Jüdisches hatten. Nun stammt der Autor aus Dessau, was zwar eindeutig östlicher liegt als Heinrich Heines Düsseldorf, doch kommt man mit Müllers Griechenliebe bekanntlich nach Hellas und nicht ins Schtetl oder nach Judäa. Aber es ist definitiv kein unerklärlicher Spleen von mir – denn auch Wilhelm Müller beschäftigte sich dichterisch mit Ahasverus, dem „Ewigen Juden“3: das lyrische Ich, mit dem er den rastlos Umherirrenden (übrigens sehr emotional und liebevoll4) schildert, ist dem Winterreisenden („Und ich wandre sonder Maßen / Ohne Ruh und suche Ruh“) sogar täuschend ähnlich. Den Leiermann, dessen traurige Mollmelodie genau so klezmerhaft daherkommt wie jene ausgezierte absteigende Linie im greisen Kopf, kann man doch problemlos im Judenviertel einer polnischen Stadt verorten – und wer so wie ich schon als Sechs-, Siebenjähriger in Roman Vishniacs Bildband Verschwundene Welt geblättert hat, der hat für alle Zeiten einen jiddischen Leiermann im Kopf. Und den philosemitischen Vater obendrein…

    Ja, mein Vater: wenn der morgen um 11 Uhr in der Matinée sitzen dürfte, in jenem entzückenden (auch entzückend in die Jahre gekommenen) Kulturzentrum, das der Schoah-Überlebende Alexander Tamir (als Alexander Wolkowyski in Wilna geboren) 1969 gründete, er könnte wohl nicht glücklicher sein. In Jerusalem wolle er begraben werden – das sagte mein Tate, der lutherische Herzens-Rebbe Wolfgang Johannsen, oft und oft in seinen letzten Jahren; jedesmal mußten wir ihm lächelnd-augenrollend widersprechen. Und somit ist der Totenacker, von dem im Wirtshaus die Rede ist, auf meiner inwendigen Kinoleinwand morgen natürlich ein jüdischer. Und bei Wilhelm Müllers vielen Nennungen, Adressierungen und Beschwörungen unseres wichtigsten und meistbesungenen Lebensorgans fällt mir gerade jetzt auf, wie viele jüdische Namen es gibt, die den Begriff Herz enthalten. Herz und Herzl…

    „Da assoziiert und spintisiert sich der Johannsen wieder mal einen ab“, werden manche denken – und vielleicht noch manch anderes, wo ich so beherzt und regelmäßig in ein Land fahre, in das man doch bitte nicht mehr fährt und dessen Musiker man doch wohl bitte nicht mehr irgendwohin einlädt.

    Ich sehe Blumen im Winter. Ich sehe junge Leute im Orchesterkonzert sitzen (gestern im Bronfman Auditorium waren es ganz, ganz viele, mit Instrumentenkästen auf dem Rücken, einige auch in Uniform), und auch die lassen sich etwa mittels Dvořáks Neunter eine neue Welt im Kopf erstehen, wo man nicht zwei oder drei Jahre Militärdienst leisten muß und wo kein skrupelloser Verrückter gleich sein ganzes Land politisch in Geiselhaft nimmt, nur um seinen Arsch vor dem Gefängnis zu retten. Blumen im Winter. Die ließ Bronislaw Hubermann im Winter des Dritten Reichs für seine geflohenen Musikerkollegen blühen, als er 1936 in Tel Aviv das Palestine Symphony Orchestra gründete, das heutige Israel Philharmonic Orchestra.

    Schreib im Vorübergehen
    Ans Tor dir: Gute Nacht!

    Casa Nova (Gästehaus der Franziskaner an der Kirche Johannes des Täufers), Ein Kerem, Mitternacht

    1. בָּאָרֶץ – hebräisch für „im Land“, gemeint ist: in Israel. ↩︎
    2. https://youtu.be/VAyujV1WWmU?si=H1T7UncFwm4vmFVl ↩︎
    3. https://www.zgedichte.de/gedichte/wilhelm-mueller/der-ewige-jude.html ↩︎
    4. https://de.wikipedia.org/wiki/Ewiger_Jude_(Gedichte)#4._Der_ewige_Jude_(in_Reiselieder)_%E2%80%93_Wilhelm_M%C3%BCller_(1823) ↩︎
  • Picture Credits: Susanne Merk

    Allein in den sieben (genaugenommen eigentlich acht) Aufführungen, die ich in den vergangenen drei Wochen von BWV 248 sang, haben das ziemlich genau 10.000 Menschen gehört – in Breslau, Mülheim an der Ruhr, Wuppertal, Maredsous, Frankfurt, Augsburg und München. 2.400 waren allein in der ausverkauften Alten Oper, immer noch gut 300 im Konzert mit den Kantaten IV-VI in Evangelisch Heilig Kreuz zu Augsburg (wo auch das Bild entstand).

    Schon das ist ein Heer von Zuhörenden (und man imaginiere sich kurz mal das volle Ausmaß des adventlichen Oratorienpublikums in ganz Europa…). Ein Heer von Ausführenden um mich herum (gewiß mehr als zwölf Nationalitäten im Wrocławska Orkiestra Barokowa, bei B’Rock aus Gent, unter den Mitgliedern des Münchener Bach-Orchesters) – und ganz einzigartig im diesjährigen „WO-Turnus“: sechs Konzerte mit Knabenchor, dreimal mit der Wuppertaler Kurrende, dreimal mit den Augsburger Domsingknaben. Was hab ich von diesen jungen Menschen nicht alles gelernt, was durfte ich durch sie erfahren: glühende Einsatzbereitschaft für etwas, das der durchschnittliche Junge in diesem Alter mindestens als uncool, wenn nicht gar als peinlich empfindet; Professionalität und Durchhaltevermögen (neun- bzw. elfstündige Busfahrten am freien Reisetag, „nur“ vier- bis viereinhalbstündige direkt vor dem Konzert), wie man es normalerweise nur von Profis wie Dorothee Mields, Thomas Laske und mir erwarten dürfte; künstlerische Durchdringung und persönliche Bestätigung von Glaubensinhalten, mit denen – entfernt von jeder Musik – Heerscharen von Theologen hadern, dargeboten etwa vom kleinen Ferdi (liebevoll getragen von seinem Mentor Stefan Steinemann) bei „Du Falscher, suche nur den Herrn zu fällen“ oder (feuchte Augen garantiert) beim kleinen Jasper, beide Augsburger Domsingknaben, in „Schließe, mein Herze, dies selige Wunder“.

    Wenn man so etwas siebenfach erlebt (gestern in der Münchner Isarphilharmonie sangen ja die „Großen“ des Bachchores), will man nicht mehr an irgendwelche ans Handy oder an Social Media verlorene lost generations glauben. Gewiß, es ist ein Bruchteil aller, von dem ich hier so schwärme, aber es ist doch eine Realität ― und allem Anschein nach war das kein mit Müh und Not gestemmter Abgesang, sondern ein Blick in den gelebten Alltag.

    Dergestalt endet konzertant mein Jahr 2025 (eine Weihnachtsmesse gibt’s noch), mit WO Nr. 122 (das einzige Werk – mein Débutstück von anno 1998 –, über das ich wirklich genau Buch führe); mit den Weihnachtsoratorien Nr. 123 und 124 beginnt 2026. Vita brevis, ars longa. Fröhliche Weihnachten und ein gesegnetes Jahr 2026 euch allen!

  • What a moment. What uplifting surroundings – as it is each and every time I enter the Great Hall (the Golden one) at Gesellschaft der Musikfreunde in Wien which is widely said to host the world’s finest concert acoustics.
    What a company. Around me not only long-term instrumentalist friends like Ilia Korol, Emma Black, Peter Trefflinger and Jeremy Joseph, the Wiener Akademie under the baton of my friend and supporter Martin Haselböck – by my side an all-stars troop of vocalists, all close friends as well; one of them, Stefan Zenkl, for as much as 27 years (having been a soloist already at my church music graduation concert in 1999).

    Trumpet and kettledrum joy reverbing from the guilded ceiling, the adorned walls. Between the two big cantatas BWV 214 & 206, there’s a gem of a vocal serenata, BWV 134a, written for the Köthen court, premiered on 1 January 1719. Could there possibly be more joy, more vigour, more optimism and enthusiasm packed into a duet than in “Es streiten, es prangen die vorigen Zeiten”, six minutes of sparkling Allegro?! Hard work until enjoyment – but what a joy in the end!1 Next to me a gem of a countertenor, Reginald Mobley; what a mutual treat, even in the long recits, containing sometimes embarrasingly devout compliments for the nobility (but that’s baroque poetry, serving baroque social habits and society customs). Very beautiful and inspiring side effect: singing about “dies weltberühmte Haus” within such a world-famous house of the musical arts…

    And the longer the more you find yourself in a New Year’s service – the praise of Duke Leopold is replaced by sincere prayers for him and for everyone in the hole princedom. Bach was fond of his superior and patron Leopold of Anhalt-Köthen, holding him in high esteem (whereas writing praises of August III. of Saxony might have been more of an unwelcome duty). His last aristocratic employer before becoming Thomaskantor died young and in huge debts. Wishing him happy years to come (amidst the happy Köthen times, before the arrival of the – alas! – martial Prussian princess…) meant happy years for the composer and his family at the same time (the death of his first wife Maria Barbara wasn’t yet on the ken).

    Being on the verge of a new church year, these words get a very current and concrete meaning. Delivering them in a hall which is part of my entire artistic life, in the center of my city Vienna, touches me. “Es streiten, es prangen die vorigen Zeiten” – that’s my text. The alto’s verses are: “Es streiten, es siegen die künftigen Zeiten”. Ancient and future, 306-year-old music performed by people of the smartphone generation (for people of the smartphone generation), hoping for blessing, peace and prosperity.

    And then there’s Christmas as well: “Tönet, ihr Pauken! Erschallet, Trompeten!”, providing BWV 248 with other words, yet with the same emotion and excitement. What an overture on the First Sunday of Advent! Happy New Church Year!

    1. Here’s the sacred version of it, BWV 134: https://youtu.be/_BiJlogItqY?si=JAlL3wMze3o0woyt&t=535 ↩︎
  • Das mondäne Széchenyi-Heilbad in Budapest

    Ich verdanke es meiner mehr als 20-jährigen Freundschaft mit István Bán, der einst mit mir in Wien Kirchenmusik studierte und im Arnold Schoenberg Chor sang, daß ich dieser Tage abermals in Ungarns herrlicher Hauptstadt „singend Urlaub machen“ kann ― obendrein bei denkbar schönstem und windstill-mildem Herbstwetter.

    Gestern Abend in der evangelischen Kirche auf dem Burgberg, mit ihrer schönen Bach-Orgel (deretwegen István regelmäßig Festivals organisiert), gab es zunächst einen zerknirschten Sündenknecht (BWV 55), der durch Vivaldis Kammerkantate „All’ombra di sospetto“, umrankt von schönsten Traverso-Melodien, nachträglich etwas abgemildert wurde, ehe meine wunderbare Kollegin Mária Lőkösházi „Jauchzet Gott in allen Landen“ anstimmte.

    Jauchzend war mir dann heute in der umarmenden Herbstsonne des Széchenyi-Hofes mehrfach zumute: das größte Heilbad Europas, dessen Belle-Époque-Grandezza (eröffnet 1913) inmitten des Stadtwäldchens noch einmal besser zur Geltung kommt, haut einen schon um. Budapest, die Millionenmetropole der Thermalquellen und -bäder, die die Donau auf eine Art und Weise umarmt, von der wir in Wien nur träumen können, bekommt hier allenfalls von Städten Konkurrenz, die sich ausschließlich dem Kurwesen widmen und dadurch berühmt wurden.

    Eine davon, Karlsbad, hat auch Bach besucht – und er wird wohl nicht gerne an diesen Aufenthalt (an der Seite seines Köthener Fürsten Leopold) gedacht haben, denn währenddessen starb seine erste Frau Maria Barbara. Über das und manch anderes (Thomas Manns „Joseph und seine Brüder“ im Gepäck, Brahms’ Ungarische Tänze und sein herrliches g-moll-Klavierquartett im Ohr), nach einem Spätvormittagsbierchen (🤭), dachte ich heute nach ― wieder einmal verschämt und demütig dankbar, solche Tage erleben zu dürfen, angesichts von Wahnsinn und Trauer rings umher.

  • Gestern kam ich zurück von einer Konzertserie mit Bachs h-moll-Messe in Tirol. Drei Aufführungen hätten es sein sollen, aber in Kitzbühel ging leider das Licht aus und nicht mehr an – doch darüber will ich eigentlich gar nicht groß schreiben, es sei nur der augenzwinkernden Vollständigkeit halber erwähnt.

    Die anderen beiden Konzerte gerieten dafür sehr besonders ― denn sie waren (wie sollte es in Tirol anders sein) eingebettet in eine imponierende, ja, Ehrfurcht gebietende Felskulisse. Das gilt für alles, was in Innsbruck stattfindet: da thront im Publikum immer 1. Reihe fußfrei die Nordkette in der Galerie. Die lange, in Summe sechseinhalbstündige Busfahrt nach Lienz und zurück (zweimal über den Paß Thurn, zweimal über den Felbertauern) hat die Reise auf den Gipfel der barocken Vokalkontrapunktik (der vielleicht sogar der Gipfel der Musikliteratur ist) handfest zu einer Alpenfahrt werden lassen. In Lienz selbst, am letzten Abend der Sommerzeit, befanden wir uns in der architektonisch etwas streitbaren (aber akustisch ausgezeichneten) Pfarrkirche zur Heiligen Familie dann mit Blick auf und beäugt von Dolomiten und Schobergruppe. Das ist schon etwas Singuläres ― nicht nur deshalb, weil ich aus dem Burgenland komme und das Hochgebirge für mich seit jeher und immer noch etwas ist, das mehr mit Besuch als mit Daheimsein und Sich-daheim-Fühlen zu tun hat (bei aller Faszination und Begeisterung für das felsige Szenario).

    Ernst Krenek hat dem Städtchen Lienz 1929 in seinem „Reisebuch“ ein musikalisch-literarisches Denkmal gesetzt ― mit dem Lied „Kleine Stadt in den südlichen Alpen“. Und beim Blick auf den Wilden Kaiser oder den Bettelwurf muß ich – mit der für mich anrührendsten Passage aus BWV 232, „Et expecto resurrectionem“ am Ende von „Confiteor“, im Ohr – an diese Worte Kreneks denken:

    Wie muß einst Auferstehung sein in diesem Tal der Schmerzen,
    wenn all die stumm ertrag’ne Not empor sich reckt
    und diese Toten ihre Gräber aufsprengen,
    und die Riesenleichensteine, diese ewigen Alpen, einstürzen?
    1

    1. Dieses Gedicht, „Friedhof im Gebirgsdorf“, kann hier ebenso nachgelesen werden wie der ganze 20-teilige Zyklus, der von überragender literarischer Qualität ist und dessen hellsichtige Modernität (im Jahr der Weltwirtschaftskrise verfaßt!) stets wieder erschaudern läßt: https://www.ostarrichi.com/beitrag/542/reisebuch_aus_den_oesterreichischen_alpen ↩︎
  • Oktober. Eigentlich die „Jahreszeiten“-Jahreszeit für mich ― wo Haydn den Herbst, der ihm wohl auch persönlich sehr nahe gewesen sein mag, am allerprächtigsten musikalisch ausmalt. Ja, jenes Oratorium, das dem Komponisten nach eigenen Angaben „den Rest“ gegeben hat, war auch eines der liebsten Werke meines seligen Vaters. Kein trockenes Auge bis zu meinem Lebensende (oder solange ich es in-/auswendig hören kann) beim „ew’gen Frühling“ im Schlußchor…

    Dieser Tage widme ich mich dem anderen großen Werk ― jenem, in dem die Engel singen. Ich darf das tun in einem Raum, der wie kein zweiter mit dem Namen Haydn verbunden ist: im Saal von Schloß Esterházy zu Eisenstadt. Im Juni war ich schon hier, mit einer mutig-lustvollen Bearbeitung der „Schöpfung“ für reines Klarinettenorchester. Damals Tageslicht bis zum Ende der Aufführung ― jetzt letzter Dämmerschein bei Konzertbeginn, aber dafür strahlt der Haydn-Saal um so prächtiger, scheinen seine satten, erdigen Farben doch 1 : 1 dem bunten Laub im Schloßpark nachempfunden zu sein.

    Das Ende von „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes“. Unvergänglich. Zu Recht religiöse Folklore geworden. Der Sonnenaufgang, die Schlußfuge: man kann sich schier nicht satthören dran… Mit dem (damals schon) zerschlissenen DDR-Klavierauszug meines Vaters, der Hob. XXII:2 und XXII:3 im Oberwarter Stadtchor gesungen hatte, ging vor 24 Jahren – nach ausschließlich passiven Hörbegegnungen – meine eigene Geschichte mit dem ersten großen deutschen Oratorium seit J. S. Bach los. Meine Eltern saßen damals im steirischen St. Gallen vor mir, mit stolz glühenden Gesichtern ob des 23-jährigen Buberls, das direkt vor dem Arnold Schoenberg Chor positioniert den Uriel gab ― und jetzt sitzen sie mir links und rechts auf der Schulter.

    Du nimmst den Odem weg, in Staub zerfallen sie. Den Odem hauchst du wieder aus, und neues Leben sproßt hervor; verjüngt ist die Gestalt der Erd’ an Reiz und Kraft.

  • Ein Anfang

    Im Anfang war das Wort ― oder zumindest der Gedanke, der ja laut Ludwig Wittgenstein notwendigerweise ein Teil meiner Sprache sein muß;1 also ein Wort, sonst ist er nicht Teil meiner Welt. Ein Bild kann freilich auch zum Gedanken werden, eher noch zur Emotion, und ich gestehe: oft genug werden meine inneren Bilder zu meinen auf Worte gesungenen Gedanken.

    Ich habe mir viele Bilder, aber auch viele Emotionen (gewollte wie auch aufgezwungene), vor ein paar Wochen abgestellt. Manche, die meine Social-Media-Präsenz sehr gemocht und auch gesucht haben, bedauern das. Manchmal geht sie auch mir kurz mal ab ― war doch so vieles zur Gewohnheit, ja, zur Sucht geworden, mit vielen Belohnungsanreizen… Ein großer Schrank, gefüllt mit Zeit, hat sich seitdem in meinem Leben aufgetan. Den will ich eigentlich nicht mehr missen.

    Darum wieder das Wort ― auch wenn ich dieses schöne Herbstbild von heute Nachmittag hier darbiete. „Verrückt“ ist ein Wort, das mir dieser Tage schneller in den Sinn kommt als sonst; verrückt ist, was sich alles zeitgleich abspielt; verrückt ist, was der Mensch auszublenden imstande ist; in schönster Weise verrückt ist das, was ich in alledem gerade tun darf: eine CD aufnehmen ― ganz in Klausur, an einem wunderschönen Nordende Österreichs, nahe bei jener hübschen Weinstadt, in der ich während vieler Jahre meine schönsten Opernerlebnissen sammeln durfte. Zu dritt in Klausur: mit mir Andreas Fröschl, jener Pianist und Freund, mit dem mein Liedgesang nach Möglichkeit bis zum goldenen Oktober meines Lebens reifen soll, mit mir eine Tonmeisterin so ganz nach meinem Herzen, Kaling Hanke. Mit uns dreien: 25 Lieder von Benjamin Britten, zu dessen Ehren wir diese verrückt aufwendige Sache hier machen. Und einmal mehr zwischen den Gedichten von Thomas Hardy, den Gedanken von John Donne, umgeben von der wunderbaren britischen Volkspoesie, stelle ich beglückt und befreit fest, wie schön man den Welt abhanden kommen kann, im Studio so auf dem Dorfe. Das ist ganz schön frivol, nicht wahr? Das ist unverschämt, aber oft genug ist es die einzige Lösung, die ich für meine Seele und für mein Wesen sehe.

    Und draußen wird es bunt, an den Bäumen, in den Weingärten, und verschwitzt von der nachmittäglichen Joggingtour macht Hölderlin sich Platz in mir:

    An die Parzen

    Nur einen Sommer gönnt, ihr Gewaltigen!
    Und einen Herbst zu reifem Gesange mir,
    Daß williger mein Herz, vom süßen
    Spiele gesättiget, dann mir sterbe.

    Die Seele, der im Leben ihr göttlich Recht
    Nicht ward, sie ruht auch drunten im Orkus nicht;
    Doch ist mir einst das Heil’ge, das am
    Herzen mir liegt, das Gedicht, gelungen,

    Willkommen dann, o Stille der Schattenwelt!
    Zufrieden bin ich, wenn auch mein Saitenspiel
    Mich nicht hinab geleitet; Einmal
    Lebt ich, wie Götter, und mehr bedarfs nicht.

    (PS: Im Normalfall werde ich hier in meiner Muttersprache schreiben ― denn auf ihrer Orgel hab ich die meisten Register zur Verfügung; und ich vertraue darauf, daß Google Translate meine Gedanken nicht ganz verhunzen wird.)

    1. Bitte verzeiht, daß ich (so wie es die meisten von meiner Privatkorrespondenz her kennen) hier die „alte“ Rechtschreibung gebrauche. ↩︎
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