
(Die sieht man im israelischen Winter immer – hierzulande will das Blühen nämlich, um ein anderes Dichterwort zu bemühen, nicht enden. Dank einer einzigartigen Bewässerung übrigens auch im unerträglichen levantinischen Sommer nicht.)
Nach zwei Tagen, die selbst für die hiesige Bevölkerung angesichts des ersten Jännerdrittels ungewöhnlich warm waren (in Tel Aviv frühnachmittags 24°), hat sich heute für D 911 halbwegs passendes Wetter eingestellt: Jerusalem ist sturmgebeutelt, drei- bis viermal ging ein Wolkenbruch hernieder, der an der grundsätzlichen Möglichkeit einer Sintflut keinen Zweifel offenläßt.
Dror Semmel bereitet mir an einer schönen McNulty-Kopie eines 1819er Conrad-Graf-Flügels im Konzertsaal des Eden Tamir Music Center in Ein Kerem (jenem Ort, an dem Johannes der Täufer geboren wurde und wo Maria ihre Kusine Elisabeth besuchte) charaktervoll den schönsten Klangboden, den ich mir für meine erste Winterreise in Israel nur wünschen könnte. Damit hab ich die Trias ba’aretz1 komplett: 2011, anläßlich meines ersten Auftritts bei Raz Kohns winterlichem Festival, gab ich mit Daniel Gortler den Schwanengesang (die hyper-emotionale Interpretation, über die ich anderthalb Dekaden später sehr schmunzeln muß, ist noch im Netz verfügbar2) – und ich stelle soeben fest, daß just in jenem Jahr auch Robert Holl in Israel Schubert sang: eine Winterreise mit András Schiff bei Elena Bashkirovas Jerusalem Chamber Music Festival. 2015 gab ich mit Graham Johnson mehrfach die Müllerin zum Besten – besonders eindrucksvoll war’s im legendären Auditorium des YMCA in Jerusalem. Und nun darf ich mit dem Zyklus der Zyklen die 20. Auflage der Schubertiade Israel offiziell eröffnen.
Wer mich kennt und wer weiß, wo meine Israel-Liebe ihre Anfänge hat, kann sich denken, WAS mir da alles durch den Kopf geht. Es beginnt damit, daß Wilhelm Müllers 24 Gedichte für mich immer schon etwas Osteuropäisch-Jüdisches hatten. Nun stammt der Autor aus Dessau, was zwar eindeutig östlicher liegt als Heinrich Heines Düsseldorf, doch kommt man mit Müllers Griechenliebe bekanntlich nach Hellas und nicht ins Schtetl oder nach Judäa. Aber es ist definitiv kein unerklärlicher Spleen von mir – denn auch Wilhelm Müller beschäftigte sich dichterisch mit Ahasverus, dem „Ewigen Juden“3: das lyrische Ich, mit dem er den rastlos Umherirrenden (übrigens sehr emotional und liebevoll4) schildert, ist dem Winterreisenden („Und ich wandre sonder Maßen / Ohne Ruh und suche Ruh“) sogar täuschend ähnlich. Den Leiermann, dessen traurige Mollmelodie genau so klezmerhaft daherkommt wie jene ausgezierte absteigende Linie im greisen Kopf, kann man doch problemlos im Judenviertel einer polnischen Stadt verorten – und wer so wie ich schon als Sechs-, Siebenjähriger in Roman Vishniacs Bildband Verschwundene Welt geblättert hat, der hat für alle Zeiten einen jiddischen Leiermann im Kopf. Und den philosemitischen Vater obendrein…
Ja, mein Vater: wenn der morgen um 11 Uhr in der Matinée sitzen dürfte, in jenem entzückenden (auch entzückend in die Jahre gekommenen) Kulturzentrum, das der Schoah-Überlebende Alexander Tamir (als Alexander Wolkowyski in Wilna geboren) 1969 gründete, er könnte wohl nicht glücklicher sein. In Jerusalem wolle er begraben werden – das sagte mein Tate, der lutherische Herzens-Rebbe Wolfgang Johannsen, oft und oft in seinen letzten Jahren; jedesmal mußten wir ihm lächelnd-augenrollend widersprechen. Und somit ist der Totenacker, von dem im Wirtshaus die Rede ist, auf meiner inwendigen Kinoleinwand morgen natürlich ein jüdischer. Und bei Wilhelm Müllers vielen Nennungen, Adressierungen und Beschwörungen unseres wichtigsten und meistbesungenen Lebensorgans fällt mir gerade jetzt auf, wie viele jüdische Namen es gibt, die den Begriff Herz enthalten. Herz und Herzl…
„Da assoziiert und spintisiert sich der Johannsen wieder mal einen ab“, werden manche denken – und vielleicht noch manch anderes, wo ich so beherzt und regelmäßig in ein Land fahre, in das man doch bitte nicht mehr fährt und dessen Musiker man doch wohl bitte nicht mehr irgendwohin einlädt.
Ich sehe Blumen im Winter. Ich sehe junge Leute im Orchesterkonzert sitzen (gestern im Bronfman Auditorium waren es ganz, ganz viele, mit Instrumentenkästen auf dem Rücken, einige auch in Uniform), und auch die lassen sich etwa mittels Dvořáks Neunter eine neue Welt im Kopf erstehen, wo man nicht zwei oder drei Jahre Militärdienst leisten muß und wo kein skrupelloser Verrückter gleich sein ganzes Land politisch in Geiselhaft nimmt, nur um seinen Arsch vor dem Gefängnis zu retten. Blumen im Winter. Die ließ Bronislaw Hubermann im Winter des Dritten Reichs für seine geflohenen Musikerkollegen blühen, als er 1936 in Tel Aviv das Palestine Symphony Orchestra gründete, das heutige Israel Philharmonic Orchestra.
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Ans Tor dir: Gute Nacht!
Casa Nova (Gästehaus der Franziskaner an der Kirche Johannes des Täufers), Ein Kerem, Mitternacht
- בָּאָרֶץ – hebräisch für „im Land“, gemeint ist: in Israel. ↩︎
- https://youtu.be/VAyujV1WWmU?si=H1T7UncFwm4vmFVl ↩︎
- https://www.zgedichte.de/gedichte/wilhelm-mueller/der-ewige-jude.html ↩︎
- https://de.wikipedia.org/wiki/Ewiger_Jude_(Gedichte)#4._Der_ewige_Jude_(in_Reiselieder)_%E2%80%93_Wilhelm_M%C3%BCller_(1823) ↩︎




