
Heute war ein denkwürdiger Tag für mich. (Nicht bloß wegen des 12. März 1938, dessen man in Österreich eigentlich immer wachsam gedenken sollte.) Daß ich an einem und demselben Tag mein Musiker-Leben, mein Musik-Erleben gleichermaßen aktiv wie passiv ausübe und genieße, gibt es nicht so oft; doch heute hatte ich beides ― sowohl drei Stunden Matthäuspassions-Probe als auch gut 2 ½ Stunden Konzertgenuß.
Mit einem schon in jungen Jahren zu hoher Meisterschaft gelangten Kirchenmusiker darf ich BWV 244 am kommenden Wochenende in der Stiftsbasilika Klosterneuburg darbieten (und wie freut es mich, zu wissen, daß Radio Klassik Stephansdom dieses Ereignis aufzeichnet und am Karsamstag nachmittags senden wird). Die lichtdurchflutete Kirche, ein Ur-Ort des österreichischen Katholizismus und seines Adels – sie beherbergt zudem die wichtigste Barockorgel des Landes –, bot uns ein herrliches Ambiente für die Rezitativproben. Eine vorzügliche junge Continuo-Cellistin ergreift ihre verantwortungsvolle Aufgabe mit Schmackes und Sensibilität. Mehr kann sich der Evangelist nicht wünschen ― und er mußte dergleichen in 22 Jahren mit dieser Partie so manches Mal auch schmerzlich vermissen.
Vergnügt heimgekehrt von Daniel Freistetters Projekt-Auftakt, nach beglückender Jogging-Tour im Belvederegarten (der mit föhnwolkigem Himmelsszenario einen besonders schönen spätnachmittäglichen Canaletto-Blick bot), ging ich also in den Musikverein, um Emil Petri, dem für mich derzeit begabtesten jungen Wiener Organisten, zu lauschen, wie er Saint-Saëns’ Orgelsymphonie, begleitet von seinen ehemaligen Schulkolleginnen und -kollegen im Orchester, darbieten würde. Der Saal fast ausverkauft (heute das 2. Konzert dieser beeindruckenden „Leistungsschau“), unglaubliche Stimmung, wie sie nur von jungen Menschen für junge Menschen geboten wird. Ja, und dann hatte ich mit Bernsteins Musik (oh, was hat dieser Once-In-A-Century-Musiker just in dieser goldenen Musikschatulle als Dirigent für vibrations hinterlassen!!!) ein Erlebnis der besonderen Art: die jungen Leute – sie bilden füglich die Vereinten Nationen der Musik ab – fanden sich ein zu einem Feuerwerk der Musizierlust, Virtuosität, Ernsthaftigkeit und klanglichen Schrankenlosigkeit, wie ich es nie und nimmer erwartet hätte. Mein Organistenkollege Roman Hauser, den ich überhaupt erstmals als Dirigenten erlebte, trug sein entscheidendes Scherflein dazu bei.
„Somewhere“, stimmte die junge Sängerin mit türkischem Familienhintergrund an, „we’ll find a way of forgiving“. Das höre ich ― mit Bildern im Kopf vom Raketeneinschlag im Dorf meiner israelischen Freundin, mit Berichten von unversöhnlichen Parlamentsdebatten dies- wie jenseits des Atlantiks im Sinn. „There’s a place for us, / A time and place for us.“ Das singen junge Menschen (und ich mit bald 48 rechne mich nicht unbedingt mehr zu ihnen), denen man ihre Zukunft gründlich angesengt hat. Junge Menschen, die so viel Herzblut in ein Metier stecken, dem man (in der Mitte seiner Berufsausübung stehend und mit offenen Augen Einkürzung und Ignoranz sehend) bisweilen nicht mehr viel Zukunft attestieren möchte. Wer bliebe da wohl unberührt?!
Feine Chormusik der tragisch früh verstorbenen Lili Boulanger und die genialen wie unverwüstlichen Evergreens von „My Fair Lady“ rahmten diesen nachdenklich-euphorischen Gruß aus dem guten alten Amerika ein. (Wer würde heute allen Ernstes noch so ein Werk wie die „West Side Story“ aus den USA erwarten?) Aber er läßt mich länger nicht los – denn „mit ein wenig Glück“, wie es der Librettist von Frederick Loewe in Aussicht stellt, darf man nicht nur Zotiges und Komisches, sondern getrost auch Wunder erwarten. Das haben mir diese auf dem Podium versammelten Hundertschaften des Wiener Musikgymnsiums, das vielleicht das musikalische Eton Mitteleuropas ist, heute mit unserer gemeinsamen Muttersprache, der Musik, ins Herz gegraben.







