
Felicità: (v.l.n.r.) Nicholas Spanos, Daniel Johannsen, Daniel Freistetter, Anna Manske und Cornelia Horak vor dem Ensemble Continuum (dessen Leiter, Martin Horváth, ganz rechts am Kontrabaß) im Augusteum Korneuburg, 27. September 2026
(Picture Credits: Forum Augusteum, © Zeman Photography)
Meine beiden letzten Konzerte (Auftritte Nos. 69 und 70 in diesem Kalenderjahr) waren etwas sehr Schönes. Sie stehen klanglich in denkbar größtem Kontrast zu Kodály und Schmidt mit Ladegast (cf. https://inrebusvariis.home.blog/2026/09/20/merseburger-zauber/) – ein letztes grandioses Aufbegehren der romantischen Tonalität austro-hungarischer Provenienz prallte (mit Appenzeller Unterwegshalt für BWV 179, übrigens auch mit rein österreichischer Solo-Kollegenschaft: Feuersinger und Helm) auf Händels genialen Oratorien-Erstling La Bellezza ravveduta nel trionfo del Tempo e del Disinganno. Nun singe ich ja leider längst nicht so viel Händel, wie ich gerne würde, und wenn, dreht es sich vornehmlich um das eine Stück – das meistaufgeführte Oratorium des Planeten. (Das ich – ist das schon blasphemisch? – trotz seines herrlichen Bibeltext-Librettos und der unkaputtbar grandiosen Chornummer am Ende des 2. Teils nicht eben für des lieben Sachsen genialste Komposition halte.) In dieser Saison darf ich mich (neben dem Trionfo) aber glücklicherweise auf eine weitere Händelsche Repertoire-Erstbegegnung freuen: auf seinen Samson.
Wenn ihr mich fragt, warum Händel Händel geworden ist – der nach Palestrina vermutlich erste abendländische Tonsetzer, der seit seinem Tod ununterbrochen gesungen und gespielt wird –, komme ich auf Momente, wie ich sie im 1707 in Rom uraufgeführten Prototypen seiner 25 Oratorien empfinde und bestaune. Ohne Chor (vermutlich hatte ich es deshalb noch nie – denn der Konzertsänger Johannsen braucht für Händel zumeist investitionswillige Chöre…), aber „mit alles“. Auch mit der mehrfach (zu Recht!) verwendeten schönsten Sarabande aus seiner Feder. Wir kennen sie in erster Linie als Lascia ch’io pianga aus dem Rinaldo. Zwar hat der Tenor auch in HWV 46a als allegorische Figur der Zeit nicht grad die allerschönsten Linien (die richtige Tenorzeit kam in der Vokalmusik gleichwohl erst viel später), aber gemeinsam mit der Ent-Täuschung (Disinganno: Ernüchterung/Desillusionierung) befindet er sich zumindest handlungsmäßig auf der Siegerstraße. Mein lieber Kollege Nicholas Spanos, mit dem ich zuletzt 2016 (ebenfalls Händel: Jephtha!) sang, stand mir für ein herrliches Schlußduett zur Seite.
Warum Händel, einer der Großmeister des Concerto grosso, der Superstar seiner Zeit wurde, höre ich besonders auch aus der Sinfonia inmitten des ersten Teils, wo die Barock-Disco abgeht wie sonstwas. Ganz besonders ging sie aber in der zweiten Aufführung bei Cornelia Horaks Arie Un pensiero nemico di pace ab, wo sie, die inkarnierte vokale Bellezza schlechthin (und HERRLICH sekundiert von unserer Konzertmeisterin Elisabeth Wiesbauer), augenzwinkernd-genußvoll alles ablieferte, was ich mir von barocker Frauenpower nur wünschen könnte. Felix Austria – wenn das die Garde ist, auf die man sich seit 35 Jahren (denn so lange singt diese einzigartige Kollegin wohl schon) als Troubleshootress assoluta verlassen kann. Bis in die höchsten Etagen hat sich das in meiner Heimat leider in all der Zeit nie wirklich herumgesprochen – aber auch das ist etwas, das Felix Austria traditionell pragmatisch pflegt: zweifelsfrei zufriedenes Negieren von Offensichtlichkeiten, weil einem die einzig zulässige Quelle halt anderes einflüstert oder aufzwingt. Cornelia, alle sollen es hören: ich kniee voll Bewunderung so vor dir, wie es einst der legendäre Tennislehrer aus Temeschwar vor Christa Ludwig tat.
Felix Austria, wenn eine liebe Freundin und Kollegin sich und (uns) allen diese Produktion zum runden Geburtstag spendiert. E. Z., alma grande, ich danke dir! Und erst recht heißt es glückliches Österreich, wenn ein Jungspund (ich schwärmte schon von ihm – cf. den Absatz über Klosterneuburg hier: https://inrebusvariis.home.blog/2026/03/12/somewhere-with-a-little-bit-of-luck/) mit alten Hasen wie mir, aber auch mit anderen jung-genialen Kolleg*innen (Eivind Berg, der italienisch glühende Norweger am Cembalo, oder aber die eine unübersehbare Hochschwangerschaft klanglich vergessen machende Oboistin Ana Inés Feola) mit so wenig Probenzeit so gut aufmusizieren läßt! Daniel Freistetter, ich prophezeihe dir einen ganz großen Weg.
Felix Austria, wenn Anwälte ihr Herzenshobby (die Organisterei) zum Anlaß nehmen, um eine profanisierte Kirche (und ihr sehr sanierungsbedürftiges bauliches Umfeld) als offenen Kultur- und Veranstaltungsraum wiederzubeleben. Mit richtig viel Engagement (genau so viel bräuchten wir für die seit bald dreißig Jahren rhetorisch glühend angestrebte Verwaltungsreform, deren peinlich erfolgloser Geschichte man wohl bald einen Lehrstuhl widmen wird). Und mit vermutlich richtig VIEL Geld. Michael Seiberler, ich bin beeindruckt – und ich komme garantiert wieder ins Augusteum nach Korneuburg.
(PS: Felix Austria heißt übrigens ein wunderbarer Roman von Christopher Wurmdobler.)








