• Felicità: (v.l.n.r.) Nicholas Spanos, Daniel Johannsen, Daniel Freistetter, Anna Manske und Cornelia Horak vor dem Ensemble Continuum (dessen Leiter, Martin Horváth, ganz rechts am Kontrabaß) im Augusteum Korneuburg, 27. September 2026
    (Picture Credits: Forum Augusteum, © Zeman Photography)

    Meine beiden letzten Konzerte (Auftritte Nos. 69 und 70 in diesem Kalenderjahr) waren etwas sehr Schönes. Sie stehen klanglich in denkbar größtem Kontrast zu Kodály und Schmidt mit Ladegast (cf. https://inrebusvariis.home.blog/2026/09/20/merseburger-zauber/) – ein letztes grandioses Aufbegehren der romantischen Tonalität austro-hungarischer Provenienz prallte (mit Appenzeller Unterwegshalt für BWV 179, übrigens auch mit rein österreichischer Solo-Kollegenschaft: Feuersinger und Helm) auf Händels genialen Oratorien-Erstling La Bellezza ravveduta nel trionfo del Tempo e del Disinganno. Nun singe ich ja leider längst nicht so viel Händel, wie ich gerne würde, und wenn, dreht es sich vornehmlich um das eine Stück – das meistaufgeführte Oratorium des Planeten. (Das ich – ist das schon blasphemisch? – trotz seines herrlichen Bibeltext-Librettos und der unkaputtbar grandiosen Chornummer am Ende des 2. Teils nicht eben für des lieben Sachsen genialste Komposition halte.) In dieser Saison darf ich mich (neben dem Trionfo) aber glücklicherweise auf eine weitere Händelsche Repertoire-Erstbegegnung freuen: auf seinen Samson.

    Wenn ihr mich fragt, warum Händel Händel geworden ist – der nach Palestrina vermutlich erste abendländische Tonsetzer, der seit seinem Tod ununterbrochen gesungen und gespielt wird –, komme ich auf Momente, wie ich sie im 1707 in Rom uraufgeführten Prototypen seiner 25 Oratorien empfinde und bestaune. Ohne Chor (vermutlich hatte ich es deshalb noch nie – denn der Konzertsänger Johannsen braucht für Händel zumeist investitionswillige Chöre…), aber „mit alles“. Auch mit der mehrfach (zu Recht!) verwendeten schönsten Sarabande aus seiner Feder. Wir kennen sie in erster Linie als Lascia ch’io pianga aus dem Rinaldo. Zwar hat der Tenor auch in HWV 46a als allegorische Figur der Zeit nicht grad die allerschönsten Linien (die richtige Tenorzeit kam in der Vokalmusik gleichwohl erst viel später), aber gemeinsam mit der Ent-Täuschung (Disinganno: Ernüchterung/Desillusionierung) befindet er sich zumindest handlungsmäßig auf der Siegerstraße. Mein lieber Kollege Nicholas Spanos, mit dem ich zuletzt 2016 (ebenfalls Händel: Jephtha!) sang, stand mir für ein herrliches Schlußduett zur Seite.

    Warum Händel, einer der Großmeister des Concerto grosso, der Superstar seiner Zeit wurde, höre ich besonders auch aus der Sinfonia inmitten des ersten Teils, wo die Barock-Disco abgeht wie sonstwas. Ganz besonders ging sie aber in der zweiten Aufführung bei Cornelia Horaks Arie Un pensiero nemico di pace ab, wo sie, die inkarnierte vokale Bellezza schlechthin (und HERRLICH sekundiert von unserer Konzertmeisterin Elisabeth Wiesbauer), augenzwinkernd-genußvoll alles ablieferte, was ich mir von barocker Frauenpower nur wünschen könnte. Felix Austria – wenn das die Garde ist, auf die man sich seit 35 Jahren (denn so lange singt diese einzigartige Kollegin wohl schon) als Troubleshootress assoluta verlassen kann. Bis in die höchsten Etagen hat sich das in meiner Heimat leider in all der Zeit nie wirklich herumgesprochen – aber auch das ist etwas, das Felix Austria traditionell pragmatisch pflegt: zweifelsfrei zufriedenes Negieren von Offensichtlichkeiten, weil einem die einzig zulässige Quelle halt anderes einflüstert oder aufzwingt. Cornelia, alle sollen es hören: ich kniee voll Bewunderung so vor dir, wie es einst der legendäre Tennislehrer aus Temeschwar vor Christa Ludwig tat.

    Felix Austria, wenn eine liebe Freundin und Kollegin sich und (uns) allen diese Produktion zum runden Geburtstag spendiert. E. Z., alma grande, ich danke dir! Und erst recht heißt es glückliches Österreich, wenn ein Jungspund (ich schwärmte schon von ihm – cf. den Absatz über Klosterneuburg hier: https://inrebusvariis.home.blog/2026/03/12/somewhere-with-a-little-bit-of-luck/) mit alten Hasen wie mir, aber auch mit anderen jung-genialen Kolleg*innen (Eivind Berg, der italienisch glühende Norweger am Cembalo, oder aber die eine unübersehbare Hochschwangerschaft klanglich vergessen machende Oboistin Ana Inés Feola) mit so wenig Probenzeit so gut aufmusizieren läßt! Daniel Freistetter, ich prophezeihe dir einen ganz großen Weg.

    Felix Austria, wenn Anwälte ihr Herzenshobby (die Organisterei) zum Anlaß nehmen, um eine profanisierte Kirche (und ihr sehr sanierungsbedürftiges bauliches Umfeld) als offenen Kultur- und Veranstaltungsraum wiederzubeleben. Mit richtig viel Engagement (genau so viel bräuchten wir für die seit bald dreißig Jahren rhetorisch glühend angestrebte Verwaltungsreform, deren peinlich erfolgloser Geschichte man wohl bald einen Lehrstuhl widmen wird). Und mit vermutlich richtig VIEL Geld. Michael Seiberler, ich bin beeindruckt – und ich komme garantiert wieder ins Augusteum nach Korneuburg.

    (PS: Felix Austria heißt übrigens ein wunderbarer Roman von Christopher Wurmdobler.)

  • Idylle gefällig? Dom und Schloß morgendlich gespiegelt in der Saale

    [Das wird diesmal etwas länger.]

    Man sollte an deutschen Wahlabenden keine Apokalypse heraufbeschwören, n’est-ce pas? Und schon gar nicht, wenn man sich im Bundesland Sachsen-Anhalt befindet. Damit wäre dem Tagesgeschehen allerdings schon wieder genug Tribut gezollt.

    Wann hab ich zuletzt so viel gesungen – nämlich richtig gesungen, athletisch gesprochen, nicht nur aus dem Füllhorn der Musikalität, die Gott mir aus Gnade verliehen hat, ein wenig was ausgegossen. Das geschah hier. In den letzten 72 Stunden. Kodálys Psalmus hungaricus (gefolgt von mancher Beethoven-9-artigen Brüllerei in Liszts Ungarischer Krönungsmesse) sowie der Johannes in Schmidts Buch mit sieben Siegeln singen sich nicht in elegant-versierter Bachkantaten-Attitüde. Das sag ich mal unbescheiden.

    „Mein Lohn ist, daß ich darf“ – so stand es in einer kleinen Bildergalerie des Instituts für Sologesang der MDW Wien, an dem ich in den frühen 2000er-Jahren studierte, unter dem Foto einer Richard-Strauss-Heroine. Und wißt ihr was? Die Dame, deren Namen ich längst vergessen habe, hat recht! Die Welt spielt verrückt, dafür muß man nicht erst die Offenbarung des Johannes bemühen – und ich darf hier an einem Ort, wo seit 1015 Gottesdienst gefeiert wird, Tage der schönsten und auch schönstmöglich kuratierten Musik verbringen. Das sag ich demütig bescheiden.

    Als ich in der Hauptschule Markt Allhau, einer damals (und ich denke, sogar noch heute) sehr soliden pädagogischen Einrichtung im Burgenland (dem einstigen Deutsch-Westungarn), im Deutschunterricht ben zi bena, bluot zi bluoda las und darüber staunte (es muß im Jahr 1991 gewesen sein), hätte ich wohl nicht gedacht, daß ich am Ort dieser 1841 entdeckten heidnischen Ursprüche der deutschen Sprache einmal als gestandener Solist eines der größten Oratorien singen würde – vis-à-vis einer Orgel-Herrlichkeit von Friedrich Ladegast, die den Raum des Kaiserdoms klanglich ähnlich wohlig erfüllt wie frisches Kartoffelpüree den Magen. Was Michael Schönheit, Spiritus Rector der Merseburger Orgeltage, seit mehr als 30 Jahren hier auf die Beine stellt, ist sagenhaft. Sagenhaft wie der Ort, wie die ottonische Kaiserpfalz, so herrlich an der Saale gelegen, schön restauriert, voll von Romanik, Gotik und Renaissance – mithin Epochen, die die Barockisierungs-Sintflut der Habsburger in Österreich kaum unbeschadet überstanden haben. (Ist ein wenig frech, ich weiß, denn Millionen kommen in meine Heimat, um Barockes à la Schönbrunn, Belvedere und Melk zu bestaunen, was total legitim ist.)

    „Musikland Ungarn“ waren die 56. Merseburger Orgeltage tituliert – und ich denke, es trotz der vielen lieben ungarischen Kolleginnen und Kollegen gebraucht zu haben, wieder einmal SO mit der Nase an die Musikkultur meines Nachbarlandes gestoßen zu werden. Kodály – ja, das ist der mit den (an der Seite von Bartók gesammelten) Volksliedern, mit den Motetten, mit der Orgelmusik. Schön. Aber da kann man eigentlich gleich Reger oder Distler machen. Schmäh ohne. So hab ich viele Jahre gedacht. Und dann hat man mir den Psalmus hungaricus aufs Aug gedrückt – und erst einige Monate nach Zusage bemerkte ich, WAS da stimmlich und v. a. sprachlich auf mich zukommt. Ohne das mehrstündige phonetische Privatissimum mit Cecilia Sipos (köszönöm szépen!) hätte ich das nicht geschafft. Und während ich es studierte (gemessen an meiner Blattlese-Geschwindigkeit, wirklich ausgiebig), stellte ich fest, was ich da nicht gekannt hatte. Was für ein wunderschönes Werk, basierend auf einer Psalmparaphrase des 16. Jahrhunderts. Auf einer EVANGELISCHEN Psalmparaphrase, die in der Zeit der ottomanischen Herrschaft in Ungarn entstand. Kodály goes Richard Strauss, Claude Debussy & Olivier Messiaen (deuxième mode avant la lettre, weil nämlich bereits 1923 komponiert). Da wußte ich schon übend bei 39 Grad Außentemperatur Ende Juli: Burli, du darfst hier was Besonderes darbieten. Ja, und dann kam Soma Szabó mit seinem in Bezug auf Volumen, Höhe und Klangsinn schier unbegrenzen Nyíregyházi Cantemus Kórus und sang dieses herzzerreißend schöne Werk, daß mir nur so die Tränen herabflossen (ihr, liebe Leserinnen und Leser, wißt ja wohl schon längst, was für eine sentimentale Heulsuse der Johannsen sein kann). Ganz besonders flossen sie mir auch am Folgetag, gestern Abend, als dieser Chor ein knapp anderthalbstündiges (zumeist) A-cappella-Programm darbot, das mir die Unentbehrlichkeit von Zoltán Kodály erst recht vor Ohren führte.

    Und dann dachte ich plötzlich daran, daß sowohl Großvater als auch Großmutter mütterlicherseits, als sie in den frühen 1910er-Jahren in Goberling (ungarisch Gáborfalva) geboren wurden, Bürger des Königreichs Ungarn waren. Daß ich, aufgewachsen in Markt Allhau (ungarisch Alhó), neben einer Kirche groß wurde, die unter Duldung der Herrschaft Batthyáni (Gott segne sie dafür) von Protestanten errichtet werden konnte. Mögen die Johannsens auch Fischköppe aus Flensburg sein – über die Polster und Gabriel hab ich doch ein bisserl Paprika im Blut.

    Ja, und dann Preßburg/Poszony/Bratislava – oder doch Bratislava/Pozsony/Preßburg – oder doch Pozsony/Bratislava/Preßburg. So nah und so fern. Bald ein Vierteljahrundert sing ich jetzt (zumindst konzertmäßig) in der ersten Garde. Und in dieser Stadt, wo sowohl Franz Schmidt als auch Bartók Béla und Dohnányi Ernő aufs Gymnasium gingen, trat ich noch niemals auf – Kuala Lumpur, Toronto und Tel Aviv waren früher dran. Das muß sich ändern – vielleicht auch durch den großartigen Slowakischen Philharmonischen Chor, der heute (wieder unter der Leitung des one-and-only Jörg-Peter Weigle) solche Klangmassen aussandte, daß man um die gotischen Säulen der Kirche bangte. Hallélujah – wie es bei Schmidt betont ist. Wunderbar begleitet übrigens von der Anhaltischen Philharmonie Dessau – Felix Germania, wenn ein B-Orchester so klingt und dermaßen musizierwillig ist.

    Keine Ahnung, wie ich mein Adrenalin noch loswerde. Nicht nur wegen heute, sondern wegen der vergangenen Tage hier, am uralt alten (© Eduard Mörike) Kulturgrund. Die Zaubersprüche, sie zeigen offensichtlich Wirkung. Und meine liebe Freundin Britta Schwarz, die von hier seit Jahr und Tag schwärmt, sie hat ja SO recht!

  • Blühende Opulenz in Schloß Hof

    (Groß ist auch die Zeitspanne seit meinem letzten Blog-Beitrag: fast vier Monate.)

    Ja, der Sommer war wirklich sehr groß. Allein temperaturmäßig: zwei Hitzewellen mit 40 Grad in Wien (und an vielen anderen Orten Europas). Große Trockenheit. Und allein ob dieser neuen Klimarealität: große Ratlosigkeit, gemischt mit zwischenzeitlicher Panik.

    Groß aber auch seine Freuden, sein atemberaubender Abwechslungsreichtum, seine emotionale Bandbreite. Drei Todesfälle im Freundes- und Bekanntenkreis – und eine Hochzeit. Unsere. Was am 22. August menschlich-liturgisch-musikalisch in Wien XV geschah, den kühnsten Teenagertraum übertreffend, braucht einen großen Winter wonnevoller Verarbeitung…

    Außer dem Ja-Wort gaben Walter und ich uns gegenseitig die herrlichsten Urlaubs- und Ausflugsmomente – heute etwa wieder im Schloß Hof (wo Österreichs schönster barocker Blumengarten zu bestaunen ist und wohin es uns alljährlich zieht), zwei Tage „flitternd“ in Warmbad Villach, ganz besonders aber auf der großen Deutschlandreise in der zweiten Julihälfte, die uns nach München, Ottobeuren, Bayreuth, Herrenberg, Erbach/Odenwald, Mainz und Boppard führte. Weil die Katze das Mausen nicht lassen kann und der Johannsen bekanntlich nicht das Singen, war der „Urlaub“ natürlich alles andere als zweieinhalb Wochen Beinehochlagern am Strand. Aber neben Mozart-Requiem, 2x „Paulus“ und einem schönen barocken Hausmusikabend mit zwei Cembali gab es in diesen 16 Tagen (und trotz 2717 beinahe staufreien Autokilometern) genug Ruhe und Ausgleich. Noch reicht mir das…

    Bayreuth muß ich übrigens noch erläutern: meine Erstbegegnung mit dem Grünen Hügel war das Geburtstagsgeschenk zum 48er – ich verdanke diesen „Parsifal“-Generalprobenbesuch meinen lieben Kolleginnen Marie Henriette Reinhold und Catalina Bertucci, die unter den Blumenmädchen waren und beide ihre vielbegehrte Freikarte für Walter und mich zusammenlegten. Atemberaubend, diesen weltberühmten und weltweit einzigartigen Orchestergraben-Sound einmal live zu erleben – obendrein mit der Wagner-Weltelite auf der Bühne: Schager, Zeppenfeld, Volle. Der Sommer war sehr groß – so wie die Dimensionen dieses Bühnenweihfestspiels. Mindestens so groß wie über das romantische Gesamtkunstwerk war allerdings auch meine Begeisterung über das Markgräfliche Opernhaus, das ich bei meiner Bayreuth-Première auch erstmals bestaunte (und hoffentlich auch mal beschallen darf; das andere Holztheater ein paar hundert Meter Luftlinie entfernt ja vielleicht ebenfalls…).

    Der Sommer ist übrigens noch groß – täglich steige ich entweder in die Alte Donau oder besuche das schönste städtische Bad der Welt (das Krapfenwaldl). Und in meiner Brust wohnen, ach, zwei Seelen: die eine will, daß es endlich ordentlich regnet, auch zum Preis einer zweiwöchigen Kaltfront; und die andere, ganz in Hermann-Hesse-Wehmut, will auf dieses Ritual noch länger nicht verzichten…

  • Applause for NBV at Muziekgebouw aan ’t IJ, May 10, 2026 (picture credits: Marieke Wijntjes)

    The neon hands of the Domtoren — those luminous markers that seem to adorn every church clock at night in the Netherlands — had just turned to 12:15 a.m. as I made my way back from TivoliVredenburg, one of the finest and most embracing concert halls I know. The Utrecht concerts are always the most agreeable: no traffic jams on the way to the venue (yesterday, the mere eighty kilometers to Nijmegen swallowed two full hours of our lives — unbearable), an excellent canteen, and an après-concert atmosphere that is invariably warm, intimate, almost homelike.

    Whether I like it or not: IN REBVS VARIIS became a Bach blog. But whom am I trying to fool? Bach is my life. If the world knows me for anything at all, then it is for some musical splendor hidden behind a BWV number. I could hardly sing enough Mozart, Britten, Mendelssohn — Schubert, at most — in this second half of my career to counterbalance that overwhelming gravitational pull of repertoire. And rightly so.

    Equally fortunate is the fact that I have now been part of the living fabric of the Nederlandse Bachvereniging for over a decade. This musical organism — which through All of Bach has become a resonant global force — is in perpetual transformation, much like the Netherlands itself: a country that continuously reinvents its own identity while carrying Rembrandt, the Renaissance, and stroopwafels in its travel bag.

    At tonight’s gathering after the concert — BWV 43 offered as perhaps the most beautiful Ascension Day service imaginable in a country where this holiday is scarcely observed at all (cf. my previous blog entry on Good Friday in Venlo) — we bid farewell to a wonderful colleague from the ensemble’s vocal core: Marta Paklar, an Estonian soprano of extraordinary soulfulness who, like me, joined the Bachvereniging in 2016. Her decade here in and around Utrecht has also been mine: living along the Oudegracht (I must have spent more than four months here altogether since my beginnings), making music with and under such remarkable figures as Hans-Christoph Rademann, Jos van Veldhoven, Shunske Sato — to whom I feel especially close —, Philippe Herreweghe, René Jacobs, Lars Ulrik Mortensen, and now Johanna Soller. Before me, still dancing with his double bass in ageless elegance, Robert Franenberg; for the first time at the concertmaster’s desk, the quietly elegant Evgeny Sviridov; and at the harpsichord, the exceptional talent Emmanuel Frankenberg, whose playing possesses a serenity and effortlessness I have rarely encountered elsewhere — cf. https://youtu.be/Mxl9kO0w9zg?si=0uAd-fwdgvrhqVJC. Beside me, companions in music and friendship for full and half decades alike: Alex Potter and Matthias Winckhler.

    The world is ablaze and leaves one speechless with its brazen arrogance; and yet around our cantatas there seems to gather a protective ring of fire.

    And amid all this happiness, Johann Gramann reminds us at the close of BWV 17:

    Er kennt das arm’ Gemächte,
    Gott weiß, wir sind nur Staub,
    Gleichwie das Gras vom Rechen,
    Ein’ Blum und fall’ndes Laub.
    Der Wind nur drüber wehet,
    So ist es nimmer da.
    Also der Mensch vergehet,
    Sein End, das ist ihm nah.

    I sang those words at the deathbeds of my father and mother.

    Happiness is beautiful precisely because it does not last. Even the most stubborn denier of reality knows this. But while it is here, we ought to savor it — as fully, as consciously, as presently as we can.

  • Coptic cross, ca. 6th century, Maastricht Cathedral Treasure

    “Which band are you?” asked the lady from the hall, showing a furrowed brow. Well, we had already had some doubts about being on the right spot. Two very little kleedkamers (and a third one, a bit more spacious), nothing else ― to host a whole Matthäus? Well, our doubts were due: we had entered to the left, to the “Poppodium” (strange by-sound in German), instead of the right, to the Maaspoort (with as many as 18 kleedkamers). Laughter, relief, all clear.

    This was the ouverture to my Good Friday in (let’s keep it this way) not a very charming Dutch city. Even less appealing to me, since one of the few attractions, the Renaissance town hall, is currently wearing pyjamas of anti-dust cloth (due to refurbishment works). And since the narrow streets are unbearably packed with mainly German day tourists on a holiday shopping tour. Good Friday, a public holiday in Germany; being an Austrian Protestant, since ever provoked by the late-Habsburgian mocking in form of a busily working Karfreitag, I had enjoyed the silence of this day-off both in 2025 (Munich, Catholic federal state of Bavaria) and in 2024 (Leipzig, Lutheran federal state of Saxony). And from my 2022 Naarden Good Friday with Bachvereniging I don’t really remember busy streets, since it is also a silent day (except for the loads of concertgoers) in this capital town of the Dutch Matthäus tradition.

    And now SOO many so NOT into Bach passion people all about… The misunderstanding with the correct concert venue was even a welcome distraction from this gottvergessenes Weltgetümmel around. (Sorry if I sound much more bigoted than I am in daily life…) Yet, Maaspoort’s Hela zaal is as velvety and muffled as a multi-purpose auditorium can be: so any reverb effect, which I love so much from my church performances this year (all of them were in sacred places, except for this PhilZuid series), has to be done by the voice itself. (And for these moments you are trained to be a pro…)

    Kein Karfreitagszauber, though we had a compassionate, quiet and alert audience. This is worth a lot. I had many thoughts ― my inner book about BWV 244 is being written especially during this kind of concerts, when I am less emotionally involved due to technical distraction. But what a privilege, what a task, what a calling to do this. Ever and ever again.

    Welt, geh aus, laß Jesum ein.

    Pullman Hotel, Eindhoven, April 3rd, midnight

  • Heute war ein denkwürdiger Tag für mich. (Nicht bloß wegen des 12. März 1938, dessen man in Österreich eigentlich immer wachsam gedenken sollte.) Daß ich an einem und demselben Tag mein Musiker-Leben, mein Musik-Erleben gleichermaßen aktiv wie passiv ausübe und genieße, gibt es nicht so oft; doch heute hatte ich beides ― sowohl drei Stunden Matthäuspassions-Probe als auch gut 2 ½ Stunden Konzertgenuß.

    Mit einem schon in jungen Jahren zu hoher Meisterschaft gelangten Kirchenmusiker darf ich BWV 244 am kommenden Wochenende in der Stiftsbasilika Klosterneuburg darbieten (und wie freut es mich, zu wissen, daß Radio Klassik Stephansdom dieses Ereignis aufzeichnet und am Karsamstag nachmittags senden wird). Die lichtdurchflutete Kirche, ein Ur-Ort des österreichischen Katholizismus und seines Adels – sie beherbergt zudem die wichtigste Barockorgel des Landes –, bot uns ein herrliches Ambiente für die Rezitativproben. Eine vorzügliche junge Continuo-Cellistin ergreift ihre verantwortungsvolle Aufgabe mit Schmackes und Sensibilität. Mehr kann sich der Evangelist nicht wünschen ― und er mußte dergleichen in 22 Jahren mit dieser Partie so manches Mal auch schmerzlich vermissen.

    Vergnügt heimgekehrt von Daniel Freistetters Projekt-Auftakt, nach beglückender Jogging-Tour im Belvederegarten (der mit föhnwolkigem Himmelsszenario einen besonders schönen spätnachmittäglichen Canaletto-Blick bot), ging ich also in den Musikverein, um Emil Petri, dem für mich derzeit begabtesten jungen Wiener Organisten, zu lauschen, wie er Saint-Saëns’ Orgelsymphonie, begleitet von seinen ehemaligen Schulkolleginnen und -kollegen im Orchester, darbieten würde. Der Saal fast ausverkauft (heute das 2. Konzert dieser beeindruckenden „Leistungsschau“), unglaubliche Stimmung, wie sie nur von jungen Menschen für junge Menschen geboten wird. Ja, und dann hatte ich mit Bernsteins Musik (oh, was hat dieser Once-In-A-Century-Musiker just in dieser goldenen Musikschatulle als Dirigent für vibrations hinterlassen!!!) ein Erlebnis der besonderen Art: die jungen Leute – sie bilden füglich die Vereinten Nationen der Musik ab – fanden sich ein zu einem Feuerwerk der Musizierlust, Virtuosität, Ernsthaftigkeit und klanglichen Schrankenlosigkeit, wie ich es nie und nimmer erwartet hätte. Mein Organistenkollege Roman Hauser, den ich überhaupt erstmals als Dirigenten erlebte, trug sein entscheidendes Scherflein dazu bei.

    „Somewhere“, stimmte die junge Sängerin mit türkischem Familienhintergrund an, „we’ll find a way of forgiving“. Das höre ich ― mit Bildern im Kopf vom Raketeneinschlag im Dorf meiner israelischen Freundin, mit Berichten von unversöhnlichen Parlamentsdebatten dies- wie jenseits des Atlantiks im Sinn. „There’s a place for us, / A time and place for us.“ Das singen junge Menschen (und ich mit bald 48 rechne mich nicht unbedingt mehr zu ihnen), denen man ihre Zukunft gründlich angesengt hat. Junge Menschen, die so viel Herzblut in ein Metier stecken, dem man (in der Mitte seiner Berufsausübung stehend und mit offenen Augen Einkürzung und Ignoranz sehend) bisweilen nicht mehr viel Zukunft attestieren möchte. Wer bliebe da wohl unberührt?!

    Feine Chormusik der tragisch früh verstorbenen Lili Boulanger und die genialen wie unverwüstlichen Evergreens von „My Fair Lady“ rahmten diesen nachdenklich-euphorischen Gruß aus dem guten alten Amerika ein. (Wer würde heute allen Ernstes noch so ein Werk wie die „West Side Story“ aus den USA erwarten?) Aber er läßt mich länger nicht los – denn „mit ein wenig Glück“, wie es der Librettist von Frederick Loewe in Aussicht stellt, darf man nicht nur Zotiges und Komisches, sondern getrost auch Wunder erwarten. Das haben mir diese auf dem Podium versammelten Hundertschaften des Wiener Musikgymnsiums, das vielleicht das musikalische Eton Mitteleuropas ist, heute mit unserer gemeinsamen Muttersprache, der Musik, ins Herz gegraben.

  • „Joseph inmitten seiner Brüder“ ― Gemälde von Antonio Intuitivo (2026)

    Ein Vers Picanders – des oft Belächelten, des Stichwortgebers für den (zweifellos) viel Größeren. Aber ohne Postmeister Henrici keine Matthäuspassion. Da würden wir ganz schön dumm dreinschauen, nicht wahr… Und inmitten dieses Kunstwerks, dieses unbeschreiblichen, wird wiederum jene Arie, aus dem der Vers stammt, belächelt (bestenfalls), wenn nicht gar augenrollend ertragen. Ja, ja, im Laufe von 90 MaPas erlebt man es öfter, daß diese Da-capo-Arie auf den A-Teil zusammenschrumpft. Was es auch manchmal gibt: bitte nur das schön heftige Accompagnato vorweg, mit den Geißelungs-Punktierten, das reicht schon – besonders angesichts der weit fortgeschrittenen Handlung und Konzertdauer. Und was das allerhäufigste Los dieser Arie ist (da man sich mit Strich und Kürzung keine dirigentischen Lorbeeren holt)? Gnadenlos durchgepeitscht wird sie; ob Altus oder Mezzo: alle müssen sie sich kurzatmig durch die in raschem Tempo unverständlichen und unbequemen pseudo-rossinischen Kantilenen hetzen. Und wie zum Hohn wird „Können Tränen meiner Wangen“ dadurch gefühlt kaum je kürzer…

    Nicht so heute (nein, mittlerweile war es gestern, der 1. März) in der katholischen Kirche von Altstätten im Kanton St. Gallen. Meine liebe Kollegin Martina Gmeinder durfte sich wunderbar Zeit nehmen für dieses dramaturgisch so streitbare Stück inmitten von BWV 244; Alexander Seidel gewährte, ja, wünschte das von sich aus in dieser (ansonsten immer wieder mal streitbaren) Aufführung. Und so konnte die Arie, zumindest nach meinem Dafürhalten, genau jenen Zweck erfüllen, den Picander und Bach ihr zugedacht haben: das von der Betrachtung der Geißelung entsetzte Gemüt (mit all seiner weinenden Schnappatmigkeit) in heilsam langen Minuten wieder zu besänftigen.

    Heilsam lang. Ja, das trifft auch für „Joseph und seine Brüder“ von Thomas Mann zu. Mit diesem Lübecker nimmt es Picander wohl nicht auf, aber das ist eine unnötige Feststellung. Unnötig empfand ich als Teenager übrigens viele halbseitenlange Sätze des Nobelpreisträgers: mich sprachen selbst seine kürzeren Texte nicht sonderlich an (und 1000 Seiten las ich ohnedies lieber bei John Irving). Letztlich brauchte es das Doppel-Jubeljahr 2025, damit ich, bestärkt von einigen großen Empfehlungen aus meiner Umgebung, eine schöne antiquarische Ausgabe seines umfangreichsten Romans erwarb (sozusagen das Gegenstück zu Bachs üppigstem Werk, der Matthäuspassion) und im November zu lesen begann. Die halbledergebundene Schwarte meiner Buchgemeinschaft-Edition von 1964 begleitete mich nach Ungarn, Deutschland, Polen, Belgien, Israel, Spanien und sogar zweimal in die Schweiz.

    Aus dem (höflichen) Wunsch, Thomas Mann „spätlesende“ Abbitte zu leisten (mittlerweile sind meine Sätze fast so lang wie seine geworden, was aber nur ein lächerlich quantitativer Vergleich sein soll), wurde eine selbsttherapeutische Handlung. Daß ein Philosemit wie ich irgendwann bei der Josephs-Tetralogie landen muß, war nur eine Frage der Zeit. Daß ich aber den Roman der Romane (zumindest muß ich ihn, noch ganz bettwarm von der Lektüre, so nennen) und wohl DAS Buch über Väter und Söhne innerhalb der ersten zwölf Monate nach dem Tod meines Vaters lesen würde, war eine Gnade sondergleichen – und so wie diese 1355 Seiten voll, ja, übervoll sind von Analogien, von einem Pathos, das nur mit Luthers Bibeldeutsch zu vergleichen ist (von dem es sich frisch-unverhohlen inspirieren ließ), so pathetisch inszeniert mußte ich die Geschichte natürlich am ersten Todestag beenden; mit dem Oberhammer, daß ich an diesem 1. März auch noch eine MaPa zu singen hatte. Und wenn Joseph seinen Vater im „Gewaltigen Zug“ in die Höhle Machpela überführen läßt (im gewaltigen Umweg über den Jordan), wenn diese Höhle am Ende so zugemauert wird wie jenes „eigen neu Grab“, in dem Joseph von Arimathia Jesus bestatten läßt (mit anschließend versiegeltem Stein), ist es haargenau jene Art der Analogie, die sich beim Lesen von Manns unendlich gelehrtem Roman an allen Ecken und Enden auftut – denn die großen Vergleiche à la „nach dreien Tagen auferstanden“ kommen dort massenweise vor. Oft genug erschrickt man sogar vor ihnen und empfindet sie – horribile intellectu – bisweilen schon fast an der blasphemischen Kante.

    Das hätte Pfarrer Johannsen, der gemäß vielfachem Bekunden überhaupt keine Romane mochte, vielleicht sehr irritiert. (Noch mehr würde ihn, den zeitlebens bekennenden Wagner-Hasser, jedoch empört haben, daß sich sein singender Filius auf hohen dirigentischen Wunsch hin neuerdings mit dem Loge beschäftigt.) Dennoch meine ich, daß ich meinen Vater, wenn ich dazu Gelegenheit gehabt hätte, mit wachsendem Interesse an die eigentlich sehr fromme Erzählweise Thomas Manns hätte hinführen können; gerade die linguistische Expertise (was lernt man hier nicht alles über das Hebräische!!!), all die sprachlichen Exkurse hätten Vati entzückt. Ihn, der fast genau so voll war von „Gottessorge“ wie der Patriarch Jaakob.

    Der oft einmal zur Heulsuse verkommende Evangelist Johannsen hatte hier gut vier Monate lang Zeit, einige Tränen zu vergießen – bei Rahels Tod, bei Mont-Kaws Verscheiden, bei der Wiederbegegnung der Brüder… Und weil ich schon einmal so beherzt über das Nahe-am-Wasser-gebaut-Sein spreche (wohlgemerkt als einer, der weder am Aschermittwoch 2023, als Mutter beerdigt wurde, noch am Aschermittwoch 2025, als Vater zur letzten Ruhe geleitet wurde, ein Tränchen vergoß!), gebe ich euch zu guter Letzt – „Wir setzen uns mit Tränen nieder“ – noch ein Stück, das mich fast genau so dahinschwimmen läßt wie Brahms’ „Wie lieblich sind deine Wohnungen“:

  • Ich sitze im Zug der DB. Nach meiner Ankunft in Wien heute Nachmittag werden es insgesamt knapp 20 Stunden sein, die ich dergestalt innerhalb der letzten 5 Tage verbracht haben werde. Und es werden allesamt pünktliche Fahrten gewesen sein. Allein das ist märchenhaft.

    2026 hat mich bislang verwöhnt. Ich lag bei 24 Grad am Tel Aviver Strand und lernte bei dieser „Winterreise“ (cf. https://inrebusvariis.home.blog/2026/01/09/der-blumen-im-winter-sah/) einen neuen Musikfreund kennen, mit dem ich nach weniger als einem Monat schon so vertraut bin, als wären wir (was allein altersmäßig nicht sein kann) bereits miteinander aufs Gymnasium gegangen. Ich durfte dem neuen Wiener Erzbischof, einem Herzens-Kirchenmusiker, vor eingeschalteten Fernsehkameras einen Psalm ins Angesicht singen. Ich stapfte mit meinem Lebensgefährten auf der Rax durch den Schnee und gab gemeinsam mit ihm in Schuberts Wiener Heimatbezirk einen herrlichen Liederabend anläßlich des Tonsetzers 229. Geburtstag. Ja, und nun erlebte ich fünf Tage, die ich so nicht vorhergesehen hatte.

    Das Britten-Gedenkjahr (50. Todestag) mit der Serenade op. 31 zu eröffnen, hatten Rico Förster (mein wahrer Opernagent und derzeit Orchesterchef der Sorbischen Kammerphilharmonie) und ich lange und sorgfältig geplant. Damit brachten wir dieses herrliche Werk erstmals in die wunderbare Stadt Bautzen (mit ihrer wunderbaren sorbischen Küche ― im Bild oben ist das sorbische Hochzeitsessen zu sehen: Tafelspitz in Krensauce). Die junge Chefdirigentin des kleinen, aber engagierten Ensembles, Katharina Dickopf, wuchs im Rahmen dieses Konzerts, das etwa auch Borodins unsterbliches D-dur-Quartett in Ensemblestärke bot, mit interpretatorischer Autorität über sich hinaus. Mein wunderbarer Partner am Horn, Lutz Lehmann, lieferte in Staatskapellen-Qualität. Und wie sehr ich es ambientemäßig in der Hauptstadt der Oberlausitz genossen habe, brauche ich wohl nicht zu schildern.

    An sich hätte es dann schnurstracks zum Erlanger Universitätsmusikdirektor gehen sollen, für zwei geharnischte Bachkantaten. („Naja, wenn ich mir schon den Johannsen leiste, spann ich ihn auch gleich mal gehörig ein“, wird sich Konrad Klek gedacht haben.) Mich hätte es gefreut ― ja, aber dann kamen Krankheitsunbilden über den Dirigenten, so daß er das Projekt schweren Herzens abzusagen hatte. Mir aber stellte er freundlich in Aussicht, die ohnehin für Erlangen reservierte und mit entsprechenden Zugfahrten geplante Zeit dennoch dort zu absolvieren und die „Boy-Group“ zu treffen (gleich mehr davon).

    Dann aber rief der Dresdner Kreuzchor händeringend an, weil andere Krankheitsunbilden (ich selbst darf mich seit Mai 2025 ununterbrochener Fitness erfreuen ― Deo gratias sempiternam) auch hier zugeschlagen hatten. Also sang ich, perfekt auf der geplanten Reiseroute gelegen, am 7. Februar noch das Gedenkkonzert anläßlich des 81. Jahrestages der Zerstörung von Dresden in der mit 3000 Menschen gefüllten Kreuzkirche. Und durfte dadurch Martin Lehmann, den neuen Kreuzkantor, an der Seite von Miriam Feuersinger, Hanna Zumsande, Marie Henriette Reinhold und Tobias Berndt (das sind meine hochgeschätzten „Dauer-Kolleg*innen“) kennenlernen. Richtig kennenlernen konnte ich beim Après bei launig-intellektuellen Gesprächen gleich auch noch Christina Rietz von der „ZEIT“.

    Doch jetzt zur „Boy-Group“ ― nein, ich nenne sie nunmehr meinen Fränkischen Schubert-Orden. Und ich muß dazu ein wenig ausholen. Vor demnächst zehn Jahren lernte ich auf der Insel Frauenchiemsee (bei – Gott hab’ ihn selig! – Enoch zu Guttenberg) einen Erlanger Post-Doc kennen, mit dem ich lose-schön befreundet blieb (durch das inzwischen von mir stillgelegte Instagram zeitweilig auch richtig intensiv). Vor etwas mehr als zwei Jahren, als ich mit den Alindes unsere Quartett-„Müllerin“ in der Kleinen Meistersinger-Halle zu Nürnberg darbot, erzählte er mir von ein paar Freunden (allesamt keine Berufsmusiker, aber leidenschaftliche Chor- und Ensemblesänger), mit denen er sich regelmäßig zum gegenseitigen Vorsingen von Schubertliedern träfe. Johannsen kriegt weiche Knie und feuchte Augen. Ja, gibt es denn so etwas noch? Deutschland, das hat sich doch schon längst abgeschafft, das lebt sozial nur noch am Handy ― zumindest jene, die noch keine konzertbesuchenden Grey Panthers sind (BÖSE verkürzt). Und Patrick, so heißt er, druckst herum… Ob ich denn… Also, es sei vielleicht doch etwas verwegen… Ob ich mir denn vorstellen könnte, mit ihnen Vieren einen Nachmittag lang so etwas wie eine private Meisterklasse zu veranstalten. Johannsen bekommt noch weichere Knie und noch feuchtere Augen. Mögen sich die Unis und Hochschulen eher höflich desinteressiert an mir zeigen: das junge Kulturvolk will mich! Und für dieses singe ich mir das Herz aus dem Leibe. Und so gab es im September 2023 in der für die Universtätsmusik prächtigst ausgestatten Erlanger Orangerie einen privaten Meisterkurs für den Fränkischen Schubert-Orden.

    Konrad Klek genas glücklicherweise so gut, daß wir uns gestern doch treffen konnten; wir gingen durch einige Lieder seines Herzensidols Heinrich von Herzogenberg (für mich natürlich prima vista) und musizierten, um dem Sonntag Rechnung zu tragen sowie das abgesagte Kantatenkonzert etwas zu kompensieren, einige Melodien des fränkischen Pfarrers Friedrich Mergner, die er zu den mehr als 120 Liedtexten von Paul Gerhardt, unserem lutherischen König David, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts geschrieben hatte. Römer 8,28. Wir durften uns demütig alles zum Besten dienen lassen.

    Doch damit nicht genug der Sonntagsfreuden (bei sich endlich auflockerndem Himmel): mit meinem Schubert-Orden, bereits um einen Ritter erweitert, ging’s konzentriert-inspiriert durch „Winterreise“ und „Müllerin“; daß ich, um 3:50 Uhr in Dresden aufgestanden, beim Kurs bereits satte zwölf Stunden auf den Beinen war, machten mich diese Amateure im besten Sinne des Wortes, diese Techniker und Universitätsangehörigen, bis zum Ende unseres gemeinsamen Abendschmauses bei fränkischem Bier (danach war ich allerdings platt) völlig vergessen.

    Deutschland, du Land meiner meistgesungenen Töne, du kannst (vielen Irrungen und Verwirrungen zum Trotz) ein Wintermächen bieten wie kein anderer Landstrich.

  • (Die sieht man im israelischen Winter immer – hierzulande will das Blühen nämlich, um ein anderes Dichterwort zu bemühen, nicht enden. Dank einer einzigartigen Bewässerung übrigens auch im unerträglichen levantinischen Sommer nicht.)

    Nach zwei Tagen, die selbst für die hiesige Bevölkerung angesichts des ersten Jännerdrittels ungewöhnlich warm waren (in Tel Aviv frühnachmittags 24°), hat sich heute für D 911 halbwegs passendes Wetter eingestellt: Jerusalem ist sturmgebeutelt, drei- bis viermal ging ein Wolkenbruch hernieder, der an der grundsätzlichen Möglichkeit einer Sintflut keinen Zweifel offenläßt.

    Dror Semmel bereitet mir an einer schönen McNulty-Kopie eines 1819er Conrad-Graf-Flügels im Konzertsaal des Eden Tamir Music Center in Ein Kerem (jenem Ort, an dem Johannes der Täufer geboren wurde und wo Maria ihre Kusine Elisabeth besuchte) charaktervoll den schönsten Klangboden, den ich mir für meine erste Winterreise in Israel nur wünschen könnte. Damit hab ich die Trias ba’aretz1 komplett: 2011, anläßlich meines ersten Auftritts bei Raz Kohns winterlichem Festival, gab ich mit Daniel Gortler den Schwanengesang (die hyper-emotionale Interpretation, über die ich anderthalb Dekaden später sehr schmunzeln muß, ist noch im Netz verfügbar2) – und ich stelle soeben fest, daß just in jenem Jahr auch Robert Holl in Israel Schubert sang: eine Winterreise mit András Schiff bei Elena Bashkirovas Jerusalem Chamber Music Festival. 2015 gab ich mit Graham Johnson mehrfach die Müllerin zum Besten – besonders eindrucksvoll war’s im legendären Auditorium des YMCA in Jerusalem. Und nun darf ich mit dem Zyklus der Zyklen die 20. Auflage der Schubertiade Israel offiziell eröffnen.

    Wer mich kennt und wer weiß, wo meine Israel-Liebe ihre Anfänge hat, kann sich denken, WAS mir da alles durch den Kopf geht. Es beginnt damit, daß Wilhelm Müllers 24 Gedichte für mich immer schon etwas Osteuropäisch-Jüdisches hatten. Nun stammt der Autor aus Dessau, was zwar eindeutig östlicher liegt als Heinrich Heines Düsseldorf, doch kommt man mit Müllers Griechenliebe bekanntlich nach Hellas und nicht ins Schtetl oder nach Judäa. Aber es ist definitiv kein unerklärlicher Spleen von mir – denn auch Wilhelm Müller beschäftigte sich dichterisch mit Ahasverus, dem „Ewigen Juden“3: das lyrische Ich, mit dem er den rastlos Umherirrenden (übrigens sehr emotional und liebevoll4) schildert, ist dem Winterreisenden („Und ich wandre sonder Maßen / Ohne Ruh und suche Ruh“) sogar täuschend ähnlich. Den Leiermann, dessen traurige Mollmelodie genau so klezmerhaft daherkommt wie jene ausgezierte absteigende Linie im greisen Kopf, kann man doch problemlos im Judenviertel einer polnischen Stadt verorten – und wer so wie ich schon als Sechs-, Siebenjähriger in Roman Vishniacs Bildband Verschwundene Welt geblättert hat, der hat für alle Zeiten einen jiddischen Leiermann im Kopf. Und den philosemitischen Vater obendrein…

    Ja, mein Vater: wenn der morgen um 11 Uhr in der Matinée sitzen dürfte, in jenem entzückenden (auch entzückend in die Jahre gekommenen) Kulturzentrum, das der Schoah-Überlebende Alexander Tamir (als Alexander Wolkowyski in Wilna geboren) 1969 gründete, er könnte wohl nicht glücklicher sein. In Jerusalem wolle er begraben werden – das sagte mein Tate, der lutherische Herzens-Rebbe Wolfgang Johannsen, oft und oft in seinen letzten Jahren; jedesmal mußten wir ihm lächelnd-augenrollend widersprechen. Und somit ist der Totenacker, von dem im Wirtshaus die Rede ist, auf meiner inwendigen Kinoleinwand morgen natürlich ein jüdischer. Und bei Wilhelm Müllers vielen Nennungen, Adressierungen und Beschwörungen unseres wichtigsten und meistbesungenen Lebensorgans fällt mir gerade jetzt auf, wie viele jüdische Namen es gibt, die den Begriff Herz enthalten. Herz und Herzl…

    „Da assoziiert und spintisiert sich der Johannsen wieder mal einen ab“, werden manche denken – und vielleicht noch manch anderes, wo ich so beherzt und regelmäßig in ein Land fahre, in das man doch bitte nicht mehr fährt und dessen Musiker man doch wohl bitte nicht mehr irgendwohin einlädt.

    Ich sehe Blumen im Winter. Ich sehe junge Leute im Orchesterkonzert sitzen (gestern im Bronfman Auditorium waren es ganz, ganz viele, mit Instrumentenkästen auf dem Rücken, einige auch in Uniform), und auch die lassen sich etwa mittels Dvořáks Neunter eine neue Welt im Kopf erstehen, wo man nicht zwei oder drei Jahre Militärdienst leisten muß und wo kein skrupelloser Verrückter gleich sein ganzes Land politisch in Geiselhaft nimmt, nur um seinen Arsch vor dem Gefängnis zu retten. Blumen im Winter. Die ließ Bronislaw Hubermann im Winter des Dritten Reichs für seine geflohenen Musikerkollegen blühen, als er 1936 in Tel Aviv das Palestine Symphony Orchestra gründete, das heutige Israel Philharmonic Orchestra.

    Schreib im Vorübergehen
    Ans Tor dir: Gute Nacht!

    Casa Nova (Gästehaus der Franziskaner an der Kirche Johannes des Täufers), Ein Kerem, Mitternacht

    1. בָּאָרֶץ – hebräisch für „im Land“, gemeint ist: in Israel. ↩︎
    2. https://youtu.be/VAyujV1WWmU?si=H1T7UncFwm4vmFVl ↩︎
    3. https://www.zgedichte.de/gedichte/wilhelm-mueller/der-ewige-jude.html ↩︎
    4. https://de.wikipedia.org/wiki/Ewiger_Jude_(Gedichte)#4._Der_ewige_Jude_(in_Reiselieder)_%E2%80%93_Wilhelm_M%C3%BCller_(1823) ↩︎
  • Picture Credits: Susanne Merk

    Allein in den sieben (genaugenommen eigentlich acht) Aufführungen, die ich in den vergangenen drei Wochen von BWV 248 sang, haben das ziemlich genau 10.000 Menschen gehört – in Breslau, Mülheim an der Ruhr, Wuppertal, Maredsous, Frankfurt, Augsburg und München. 2.400 waren allein in der ausverkauften Alten Oper, immer noch gut 300 im Konzert mit den Kantaten IV-VI in Evangelisch Heilig Kreuz zu Augsburg (wo auch das Bild entstand).

    Schon das ist ein Heer von Zuhörenden (und man imaginiere sich kurz mal das volle Ausmaß des adventlichen Oratorienpublikums in ganz Europa…). Ein Heer von Ausführenden um mich herum (gewiß mehr als zwölf Nationalitäten im Wrocławska Orkiestra Barokowa, bei B’Rock aus Gent, unter den Mitgliedern des Münchener Bach-Orchesters) – und ganz einzigartig im diesjährigen „WO-Turnus“: sechs Konzerte mit Knabenchor, dreimal mit der Wuppertaler Kurrende, dreimal mit den Augsburger Domsingknaben. Was hab ich von diesen jungen Menschen nicht alles gelernt, was durfte ich durch sie erfahren: glühende Einsatzbereitschaft für etwas, das der durchschnittliche Junge in diesem Alter mindestens als uncool, wenn nicht gar als peinlich empfindet; Professionalität und Durchhaltevermögen (neun- bzw. elfstündige Busfahrten am freien Reisetag, „nur“ vier- bis viereinhalbstündige direkt vor dem Konzert), wie man es normalerweise nur von Profis wie Dorothee Mields, Thomas Laske und mir erwarten dürfte; künstlerische Durchdringung und persönliche Bestätigung von Glaubensinhalten, mit denen – entfernt von jeder Musik – Heerscharen von Theologen hadern, dargeboten etwa vom kleinen Ferdi (liebevoll getragen von seinem Mentor Stefan Steinemann) bei „Du Falscher, suche nur den Herrn zu fällen“ oder (feuchte Augen garantiert) beim kleinen Jasper, beide Augsburger Domsingknaben, in „Schließe, mein Herze, dies selige Wunder“.

    Wenn man so etwas siebenfach erlebt (gestern in der Münchner Isarphilharmonie sangen ja die „Großen“ des Bachchores), will man nicht mehr an irgendwelche ans Handy oder an Social Media verlorene lost generations glauben. Gewiß, es ist ein Bruchteil aller, von dem ich hier so schwärme, aber es ist doch eine Realität ― und allem Anschein nach war das kein mit Müh und Not gestemmter Abgesang, sondern ein Blick in den gelebten Alltag.

    Dergestalt endet konzertant mein Jahr 2025 (eine Weihnachtsmesse gibt’s noch), mit WO Nr. 122 (das einzige Werk – mein Débutstück von anno 1998 –, über das ich wirklich genau Buch führe); mit den Weihnachtsoratorien Nr. 123 und 124 beginnt 2026. Vita brevis, ars longa. Fröhliche Weihnachten und ein gesegnetes Jahr 2026 euch allen!

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