• What a moment. What uplifting surroundings – as it is each and every time I enter the Great Hall (the Golden one) at Gesellschaft der Musikfreunde in Wien which is widely said to host the world’s finest concert acoustics.
    What a company. Around me not only long-term instrumentalist friends like Ilia Korol, Emma Black, Peter Trefflinger and Jeremy Joseph, the Wiener Akademie under the baton of my friend and supporter Martin Haselböck – by my side an all-stars troop of vocalists, all close friends as well; one of them, Stefan Zenkl, for as much as 27 years (having been a soloist already at my church music graduation concert in 1999).

    Trumpet and kettledrum joy reverbing from the guilded ceiling, the adorned walls. Between the two big cantatas BWV 214 & 206, there’s a gem of a vocal serenata, BWV 134a, written for the Köthen court, premiered on 1 January 1719. Could there possibly be more joy, more vigour, more optimism and enthusiasm packed into a duet than in “Es streiten, es prangen die vorigen Zeiten”, six minutes of sparkling Allegro?! Hard work until enjoyment – but what a joy in the end!1 Next to me a gem of a countertenor, Reginald Mobley; what a mutual treat, even in the long recits, containing sometimes embarrasingly devout compliments for the nobility (but that’s baroque poetry, serving baroque social habits and society customs). Very beautiful and inspiring side effect: singing about “dies weltberühmte Haus” within such a world-famous house of the musical arts…

    And the longer the more you find yourself in a New Year’s service – the praise of Duke Leopold is replaced by sincere prayers for him and for everyone in the hole princedom. Bach was fond of his superior and patron Leopold of Anhalt-Köthen, holding him in high esteem (whereas writing praises of August III. of Saxony might have been more of an unwelcome duty). His last aristocratic employer before becoming Thomaskantor died young and in huge debts. Wishing him happy years to come (amidst the happy Köthen times, before the arrival of the – alas! – martial Prussian princess…) meant happy years for the composer and his family at the same time (the death of his first wife Maria Barbara wasn’t yet on the ken).

    Being on the verge of a new church year, these words get a very current and concrete meaning. Delivering them in a hall which is part of my entire artistic life, in the center of my city Vienna, touches me. “Es streiten, es prangen die vorigen Zeiten” – that’s my text. The alto’s verses are: “Es streiten, es siegen die künftigen Zeiten”. Ancient and future, 306-year-old music performed by people of the smartphone generation (for people of the smartphone generation), hoping for blessing, peace and prosperity.

    And then there’s Christmas as well: “Tönet, ihr Pauken! Erschallet, Trompeten!”, providing BWV 248 with other words, yet with the same emotion and excitement. What an overture on the First Sunday of Advent! Happy New Church Year!

    1. Here’s the sacred version of it, BWV 134: https://youtu.be/_BiJlogItqY?si=JAlL3wMze3o0woyt&t=535 ↩︎
  • Das mondäne Széchenyi-Heilbad in Budapest

    Ich verdanke es meiner mehr als 20-jährigen Freundschaft mit István Bán, der einst mit mir in Wien Kirchenmusik studierte und im Arnold Schoenberg Chor sang, daß ich dieser Tage abermals in Ungarns herrlicher Hauptstadt „singend Urlaub machen“ kann ― obendrein bei denkbar schönstem und windstill-mildem Herbstwetter.

    Gestern Abend in der evangelischen Kirche auf dem Burgberg, mit ihrer schönen Bach-Orgel (deretwegen István regelmäßig Festivals organisiert), gab es zunächst einen zerknirschten Sündenknecht (BWV 55), der durch Vivaldis Kammerkantate „All’ombra di sospetto“, umrankt von schönsten Traverso-Melodien, nachträglich etwas abgemildert wurde, ehe meine wunderbare Kollegin Mária Lőkösházi „Jauchzet Gott in allen Landen“ anstimmte.

    Jauchzend war mir dann heute in der umarmenden Herbstsonne des Széchenyi-Hofes mehrfach zumute: das größte Heilbad Europas, dessen Belle-Époque-Grandezza (eröffnet 1913) inmitten des Stadtwäldchens noch einmal besser zur Geltung kommt, haut einen schon um. Budapest, die Millionenmetropole der Thermalquellen und -bäder, die die Donau auf eine Art und Weise umarmt, von der wir in Wien nur träumen können, bekommt hier allenfalls von Städten Konkurrenz, die sich ausschließlich dem Kurwesen widmen und dadurch berühmt wurden.

    Eine davon, Karlsbad, hat auch Bach besucht – und er wird wohl nicht gerne an diesen Aufenthalt (an der Seite seines Köthener Fürsten Leopold) gedacht haben, denn währenddessen starb seine erste Frau Maria Barbara. Über das und manch anderes (Thomas Manns „Joseph und seine Brüder“ im Gepäck, Brahms’ Ungarische Tänze und sein herrliches g-moll-Klavierquartett im Ohr), nach einem Spätvormittagsbierchen (🤭), dachte ich heute nach ― wieder einmal verschämt und demütig dankbar, solche Tage erleben zu dürfen, angesichts von Wahnsinn und Trauer rings umher.

  • Gestern kam ich zurück von einer Konzertserie mit Bachs h-moll-Messe in Tirol. Drei Aufführungen hätten es sein sollen, aber in Kitzbühel ging leider das Licht aus und nicht mehr an – doch darüber will ich eigentlich gar nicht groß schreiben, es sei nur der augenzwinkernden Vollständigkeit halber erwähnt.

    Die anderen beiden Konzerte gerieten dafür sehr besonders ― denn sie waren (wie sollte es in Tirol anders sein) eingebettet in eine imponierende, ja, Ehrfurcht gebietende Felskulisse. Das gilt für alles, was in Innsbruck stattfindet: da thront im Publikum immer 1. Reihe fußfrei die Nordkette in der Galerie. Die lange, in Summe sechseinhalbstündige Busfahrt nach Lienz und zurück (zweimal über den Paß Thurn, zweimal über den Felbertauern) hat die Reise auf den Gipfel der barocken Vokalkontrapunktik (der vielleicht sogar der Gipfel der Musikliteratur ist) handfest zu einer Alpenfahrt werden lassen. In Lienz selbst, am letzten Abend der Sommerzeit, befanden wir uns in der architektonisch etwas streitbaren (aber akustisch ausgezeichneten) Pfarrkirche zur Heiligen Familie dann mit Blick auf und beäugt von Dolomiten und Schobergruppe. Das ist schon etwas Singuläres ― nicht nur deshalb, weil ich aus dem Burgenland komme und das Hochgebirge für mich seit jeher und immer noch etwas ist, das mehr mit Besuch als mit Daheimsein und Sich-daheim-Fühlen zu tun hat (bei aller Faszination und Begeisterung für das felsige Szenario).

    Ernst Krenek hat dem Städtchen Lienz 1929 in seinem „Reisebuch“ ein musikalisch-literarisches Denkmal gesetzt ― mit dem Lied „Kleine Stadt in den südlichen Alpen“. Und beim Blick auf den Wilden Kaiser oder den Bettelwurf muß ich – mit der für mich anrührendsten Passage aus BWV 232, „Et expecto resurrectionem“ am Ende von „Confiteor“, im Ohr – an diese Worte Kreneks denken:

    Wie muß einst Auferstehung sein in diesem Tal der Schmerzen,
    wenn all die stumm ertrag’ne Not empor sich reckt
    und diese Toten ihre Gräber aufsprengen,
    und die Riesenleichensteine, diese ewigen Alpen, einstürzen?
    1

    1. Dieses Gedicht, „Friedhof im Gebirgsdorf“, kann hier ebenso nachgelesen werden wie der ganze 20-teilige Zyklus, der von überragender literarischer Qualität ist und dessen hellsichtige Modernität (im Jahr der Weltwirtschaftskrise verfaßt!) stets wieder erschaudern läßt: https://www.ostarrichi.com/beitrag/542/reisebuch_aus_den_oesterreichischen_alpen ↩︎
  • Oktober. Eigentlich die „Jahreszeiten“-Jahreszeit für mich ― wo Haydn den Herbst, der ihm wohl auch persönlich sehr nahe gewesen sein mag, am allerprächtigsten musikalisch ausmalt. Ja, jenes Oratorium, das dem Komponisten nach eigenen Angaben „den Rest“ gegeben hat, war auch eines der liebsten Werke meines seligen Vaters. Kein trockenes Auge bis zu meinem Lebensende (oder solange ich es in-/auswendig hören kann) beim „ew’gen Frühling“ im Schlußchor…

    Dieser Tage widme ich mich dem anderen großen Werk ― jenem, in dem die Engel singen. Ich darf das tun in einem Raum, der wie kein zweiter mit dem Namen Haydn verbunden ist: im Saal von Schloß Esterházy zu Eisenstadt. Im Juni war ich schon hier, mit einer mutig-lustvollen Bearbeitung der „Schöpfung“ für reines Klarinettenorchester. Damals Tageslicht bis zum Ende der Aufführung ― jetzt letzter Dämmerschein bei Konzertbeginn, aber dafür strahlt der Haydn-Saal um so prächtiger, scheinen seine satten, erdigen Farben doch 1 : 1 dem bunten Laub im Schloßpark nachempfunden zu sein.

    Das Ende von „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes“. Unvergänglich. Zu Recht religiöse Folklore geworden. Der Sonnenaufgang, die Schlußfuge: man kann sich schier nicht satthören dran… Mit dem (damals schon) zerschlissenen DDR-Klavierauszug meines Vaters, der Hob. XXII:2 und XXII:3 im Oberwarter Stadtchor gesungen hatte, ging vor 24 Jahren – nach ausschließlich passiven Hörbegegnungen – meine eigene Geschichte mit dem ersten großen deutschen Oratorium seit J. S. Bach los. Meine Eltern saßen damals im steirischen St. Gallen vor mir, mit stolz glühenden Gesichtern ob des 23-jährigen Buberls, das direkt vor dem Arnold Schoenberg Chor positioniert den Uriel gab ― und jetzt sitzen sie mir links und rechts auf der Schulter.

    Du nimmst den Odem weg, in Staub zerfallen sie. Den Odem hauchst du wieder aus, und neues Leben sproßt hervor; verjüngt ist die Gestalt der Erd’ an Reiz und Kraft.

  • Ein Anfang

    Im Anfang war das Wort ― oder zumindest der Gedanke, der ja laut Ludwig Wittgenstein notwendigerweise ein Teil meiner Sprache sein muß;1 also ein Wort, sonst ist er nicht Teil meiner Welt. Ein Bild kann freilich auch zum Gedanken werden, eher noch zur Emotion, und ich gestehe: oft genug werden meine inneren Bilder zu meinen auf Worte gesungenen Gedanken.

    Ich habe mir viele Bilder, aber auch viele Emotionen (gewollte wie auch aufgezwungene), vor ein paar Wochen abgestellt. Manche, die meine Social-Media-Präsenz sehr gemocht und auch gesucht haben, bedauern das. Manchmal geht sie auch mir kurz mal ab ― war doch so vieles zur Gewohnheit, ja, zur Sucht geworden, mit vielen Belohnungsanreizen… Ein großer Schrank, gefüllt mit Zeit, hat sich seitdem in meinem Leben aufgetan. Den will ich eigentlich nicht mehr missen.

    Darum wieder das Wort ― auch wenn ich dieses schöne Herbstbild von heute Nachmittag hier darbiete. „Verrückt“ ist ein Wort, das mir dieser Tage schneller in den Sinn kommt als sonst; verrückt ist, was sich alles zeitgleich abspielt; verrückt ist, was der Mensch auszublenden imstande ist; in schönster Weise verrückt ist das, was ich in alledem gerade tun darf: eine CD aufnehmen ― ganz in Klausur, an einem wunderschönen Nordende Österreichs, nahe bei jener hübschen Weinstadt, in der ich während vieler Jahre meine schönsten Opernerlebnissen sammeln durfte. Zu dritt in Klausur: mit mir Andreas Fröschl, jener Pianist und Freund, mit dem mein Liedgesang nach Möglichkeit bis zum goldenen Oktober meines Lebens reifen soll, mit mir eine Tonmeisterin so ganz nach meinem Herzen, Kaling Hanke. Mit uns dreien: 25 Lieder von Benjamin Britten, zu dessen Ehren wir diese verrückt aufwendige Sache hier machen. Und einmal mehr zwischen den Gedichten von Thomas Hardy, den Gedanken von John Donne, umgeben von der wunderbaren britischen Volkspoesie, stelle ich beglückt und befreit fest, wie schön man den Welt abhanden kommen kann, im Studio so auf dem Dorfe. Das ist ganz schön frivol, nicht wahr? Das ist unverschämt, aber oft genug ist es die einzige Lösung, die ich für meine Seele und für mein Wesen sehe.

    Und draußen wird es bunt, an den Bäumen, in den Weingärten, und verschwitzt von der nachmittäglichen Joggingtour macht Hölderlin sich Platz in mir:

    An die Parzen

    Nur einen Sommer gönnt, ihr Gewaltigen!
    Und einen Herbst zu reifem Gesange mir,
    Daß williger mein Herz, vom süßen
    Spiele gesättiget, dann mir sterbe.

    Die Seele, der im Leben ihr göttlich Recht
    Nicht ward, sie ruht auch drunten im Orkus nicht;
    Doch ist mir einst das Heil’ge, das am
    Herzen mir liegt, das Gedicht, gelungen,

    Willkommen dann, o Stille der Schattenwelt!
    Zufrieden bin ich, wenn auch mein Saitenspiel
    Mich nicht hinab geleitet; Einmal
    Lebt ich, wie Götter, und mehr bedarfs nicht.

    (PS: Im Normalfall werde ich hier in meiner Muttersprache schreiben ― denn auf ihrer Orgel hab ich die meisten Register zur Verfügung; und ich vertraue darauf, daß Google Translate meine Gedanken nicht ganz verhunzen wird.)

    1. Bitte verzeiht, daß ich (so wie es die meisten von meiner Privatkorrespondenz her kennen) hier die „alte“ Rechtschreibung gebrauche. ↩︎
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