Im Anfang war das Wort ― oder zumindest der Gedanke, der ja laut Ludwig Wittgenstein notwendigerweise ein Teil meiner Sprache sein muß;1 also ein Wort, sonst ist er nicht Teil meiner Welt. Ein Bild kann freilich auch zum Gedanken werden, eher noch zur Emotion, und ich gestehe: oft genug werden meine inneren Bilder zu meinen auf Worte gesungenen Gedanken.
Ich habe mir viele Bilder, aber auch viele Emotionen (gewollte wie auch aufgezwungene), vor ein paar Wochen abgestellt. Manche, die meine Social-Media-Präsenz sehr gemocht und auch gesucht haben, bedauern das. Manchmal geht sie auch mir kurz mal ab ― war doch so vieles zur Gewohnheit, ja, zur Sucht geworden, mit vielen Belohnungsanreizen… Ein großer Schrank, gefüllt mit Zeit, hat sich seitdem in meinem Leben aufgetan. Den will ich eigentlich nicht mehr missen.
Darum wieder das Wort ― auch wenn ich dieses schöne Herbstbild von heute Nachmittag hier darbiete. „Verrückt“ ist ein Wort, das mir dieser Tage schneller in den Sinn kommt als sonst; verrückt ist, was sich alles zeitgleich abspielt; verrückt ist, was der Mensch auszublenden imstande ist; in schönster Weise verrückt ist das, was ich in alledem gerade tun darf: eine CD aufnehmen ― ganz in Klausur, an einem wunderschönen Nordende Österreichs, nahe bei jener hübschen Weinstadt, in der ich während vieler Jahre meine schönsten Opernerlebnissen sammeln durfte. Zu dritt in Klausur: mit mir Andreas Fröschl, jener Pianist und Freund, mit dem mein Liedgesang nach Möglichkeit bis zum goldenen Oktober meines Lebens reifen soll, mit mir eine Tonmeisterin so ganz nach meinem Herzen, Kaling Hanke. Mit uns dreien: 25 Lieder von Benjamin Britten, zu dessen Ehren wir diese verrückt aufwendige Sache hier machen. Und einmal mehr zwischen den Gedichten von Thomas Hardy, den Gedanken von John Donne, umgeben von der wunderbaren britischen Volkspoesie, stelle ich beglückt und befreit fest, wie schön man den Welt abhanden kommen kann, im Studio so auf dem Dorfe. Das ist ganz schön frivol, nicht wahr? Das ist unverschämt, aber oft genug ist es die einzige Lösung, die ich für meine Seele und für mein Wesen sehe.
Und draußen wird es bunt, an den Bäumen, in den Weingärten, und verschwitzt von der nachmittäglichen Joggingtour macht Hölderlin sich Platz in mir:
An die Parzen
Nur einen Sommer gönnt, ihr Gewaltigen!
Und einen Herbst zu reifem Gesange mir,
Daß williger mein Herz, vom süßen
Spiele gesättiget, dann mir sterbe.
Die Seele, der im Leben ihr göttlich Recht
Nicht ward, sie ruht auch drunten im Orkus nicht;
Doch ist mir einst das Heil’ge, das am
Herzen mir liegt, das Gedicht, gelungen,
Willkommen dann, o Stille der Schattenwelt!
Zufrieden bin ich, wenn auch mein Saitenspiel
Mich nicht hinab geleitet; Einmal
Lebt ich, wie Götter, und mehr bedarfs nicht.
(PS: Im Normalfall werde ich hier in meiner Muttersprache schreiben ― denn auf ihrer Orgel hab ich die meisten Register zur Verfügung; und ich vertraue darauf, daß Google Translate meine Gedanken nicht ganz verhunzen wird.)
- Bitte verzeiht, daß ich (so wie es die meisten von meiner Privatkorrespondenz her kennen) hier die „alte“ Rechtschreibung gebrauche. ↩︎
