• Oktober. Eigentlich die „Jahreszeiten“-Jahreszeit für mich ― wo Haydn den Herbst, der ihm wohl auch persönlich sehr nahe gewesen sein mag, am allerprächtigsten musikalisch ausmalt. Ja, jenes Oratorium, das dem Komponisten nach eigenen Angaben „den Rest“ gegeben hat, war auch eines der liebsten Werke meines seligen Vaters. Kein trockenes Auge bis zu meinem Lebensende (oder solange ich es in-/auswendig hören kann) beim „ew’gen Frühling“ im Schlußchor…

    Dieser Tage widme ich mich dem anderen großen Werk ― jenem, in dem die Engel singen. Ich darf das tun in einem Raum, der wie kein zweiter mit dem Namen Haydn verbunden ist: im Saal von Schloß Esterházy zu Eisenstadt. Im Juni war ich schon hier, mit einer mutig-lustvollen Bearbeitung der „Schöpfung“ für reines Klarinettenorchester. Damals Tageslicht bis zum Ende der Aufführung ― jetzt letzter Dämmerschein bei Konzertbeginn, aber dafür strahlt der Haydn-Saal um so prächtiger, scheinen seine satten, erdigen Farben doch 1 : 1 dem bunten Laub im Schloßpark nachempfunden zu sein.

    Das Ende von „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes“. Unvergänglich. Zu Recht religiöse Folklore geworden. Der Sonnenaufgang, die Schlußfuge: man kann sich schier nicht satthören dran… Mit dem (damals schon) zerschlissenen DDR-Klavierauszug meines Vaters, der Hob. XXII:2 und XXII:3 im Oberwarter Stadtchor gesungen hatte, ging vor 24 Jahren – nach ausschließlich passiven Hörbegegnungen – meine eigene Geschichte mit dem ersten großen deutschen Oratorium seit J. S. Bach los. Meine Eltern saßen damals im steirischen St. Gallen vor mir, mit stolz glühenden Gesichtern ob des 23-jährigen Buberls, das direkt vor dem Arnold Schoenberg Chor positioniert den Uriel gab ― und jetzt sitzen sie mir links und rechts auf der Schulter.

    Du nimmst den Odem weg, in Staub zerfallen sie. Den Odem hauchst du wieder aus, und neues Leben sproßt hervor; verjüngt ist die Gestalt der Erd’ an Reiz und Kraft.

  • Ein Anfang

    Im Anfang war das Wort ― oder zumindest der Gedanke, der ja laut Ludwig Wittgenstein notwendigerweise ein Teil meiner Sprache sein muß;1 also ein Wort, sonst ist er nicht Teil meiner Welt. Ein Bild kann freilich auch zum Gedanken werden, eher noch zur Emotion, und ich gestehe: oft genug werden meine inneren Bilder zu meinen auf Worte gesungenen Gedanken.

    Ich habe mir viele Bilder, aber auch viele Emotionen (gewollte wie auch aufgezwungene), vor ein paar Wochen abgestellt. Manche, die meine Social-Media-Präsenz sehr gemocht und auch gesucht haben, bedauern das. Manchmal geht sie auch mir kurz mal ab ― war doch so vieles zur Gewohnheit, ja, zur Sucht geworden, mit vielen Belohnungsanreizen… Ein großer Schrank, gefüllt mit Zeit, hat sich seitdem in meinem Leben aufgetan. Den will ich eigentlich nicht mehr missen.

    Darum wieder das Wort ― auch wenn ich dieses schöne Herbstbild von heute Nachmittag hier darbiete. „Verrückt“ ist ein Wort, das mir dieser Tage schneller in den Sinn kommt als sonst; verrückt ist, was sich alles zeitgleich abspielt; verrückt ist, was der Mensch auszublenden imstande ist; in schönster Weise verrückt ist das, was ich in alledem gerade tun darf: eine CD aufnehmen ― ganz in Klausur, an einem wunderschönen Nordende Österreichs, nahe bei jener hübschen Weinstadt, in der ich während vieler Jahre meine schönsten Opernerlebnissen sammeln durfte. Zu dritt in Klausur: mit mir Andreas Fröschl, jener Pianist und Freund, mit dem mein Liedgesang nach Möglichkeit bis zum goldenen Oktober meines Lebens reifen soll, mit mir eine Tonmeisterin so ganz nach meinem Herzen, Kaling Hanke. Mit uns dreien: 25 Lieder von Benjamin Britten, zu dessen Ehren wir diese verrückt aufwendige Sache hier machen. Und einmal mehr zwischen den Gedichten von Thomas Hardy, den Gedanken von John Donne, umgeben von der wunderbaren britischen Volkspoesie, stelle ich beglückt und befreit fest, wie schön man den Welt abhanden kommen kann, im Studio so auf dem Dorfe. Das ist ganz schön frivol, nicht wahr? Das ist unverschämt, aber oft genug ist es die einzige Lösung, die ich für meine Seele und für mein Wesen sehe.

    Und draußen wird es bunt, an den Bäumen, in den Weingärten, und verschwitzt von der nachmittäglichen Joggingtour macht Hölderlin sich Platz in mir:

    An die Parzen

    Nur einen Sommer gönnt, ihr Gewaltigen!
    Und einen Herbst zu reifem Gesange mir,
    Daß williger mein Herz, vom süßen
    Spiele gesättiget, dann mir sterbe.

    Die Seele, der im Leben ihr göttlich Recht
    Nicht ward, sie ruht auch drunten im Orkus nicht;
    Doch ist mir einst das Heil’ge, das am
    Herzen mir liegt, das Gedicht, gelungen,

    Willkommen dann, o Stille der Schattenwelt!
    Zufrieden bin ich, wenn auch mein Saitenspiel
    Mich nicht hinab geleitet; Einmal
    Lebt ich, wie Götter, und mehr bedarfs nicht.

    (PS: Im Normalfall werde ich hier in meiner Muttersprache schreiben ― denn auf ihrer Orgel hab ich die meisten Register zur Verfügung; und ich vertraue darauf, daß Google Translate meine Gedanken nicht ganz verhunzen wird.)

    1. Bitte verzeiht, daß ich (so wie es die meisten von meiner Privatkorrespondenz her kennen) hier die „alte“ Rechtschreibung gebrauche. ↩︎
Erstelle eine Website wie diese mit WordPress.com
Jetzt starten